Tomas Espedal: «Gehen – oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen»

«Warum nicht mit der Straße beginnen»

Günter Nawe

Während Thomas Bernhard in seiner Erzählung «Gehen» Denken und Gehen in einem schier unmöglichen Zusammenhang sieht, findet Karl Krolow in seiner Erzählung «Im Gehen»: «Späth wollte einiges im Gehen loswerden. Er wollte das, was anhänglich war, vergessen.» Beide Titel – und einige mehr – fallen dem Leser (vielleicht) ein bei der Lektüre des wunderbaren Buches des Norwegers Tomas Espedal: «Gehen – oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen».
Doch wie anders ist dieses Buch dieses Autors. Espedal sieht sehr wohl einen Zusammenhang zwischen Gehen und Denken, einen sehr fruchtbaren gar. Auch geht es ihm nicht darum, etwas loszuwerden, zu vergessen, sondern etwas zu gewinnen. Und dies geschieht durch waches Beobachten, durch ein Den-Dingen-«nachdenken», durch Reflexion – auf dem Weg zu sich selbst.
Dieser Tomas Espedal (geb. 1961), ein in Norwegen sehr geschätzter Autor, ist leider im deutschen Sprachraum bisher völlig unbekannt. «Gehen» ist das erste seiner Werke, das in deutscher Übersetzung (Paul Berf) vorliegt.

Imaginärer Espedal-Wandergefährte: Arthur Rimbaud

«Wir denken weniger, wenn wir weit gehen, wir gleiten in den Rhythmus des Gehens, und die Gedanken enden, werden zu einer konzentrierten Aufmerksamkeit, die darauf gerichtet ist, was wir sehen und hören, was wir riechen; diese Blume, der Wind, die Bäume, als würden die Gedanken umgeformt und zu einem Teil dessen werden, was ihnen begegnet; ein Fluss, ein Berg, ein Weg.» So formuliert Espedal seine «Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen» – und damit fast eine kleine Philosophie des Gehens.

«Warum nicht mit einer Straße beginnen» – mit diesem Satz beginnt dieses wunderbare Buch. «Hatte ich mir nicht schon seit langem gewünscht, mich auf den Weg zu machen, ohne Kurs und Ziel, und nur zu gehen, in eine einzige, beliebige Richtung… Der Philosoph ging täglich. Das schärfe sein Denken.» So gerüstet verlässt ein Mann Frau, Kind und Haus, um das Leben eines Landstreichers zu führen. Er macht sich auf den schon erwähnten Weg zu sich selbst. Es ist ein abenteuerlicher Weg – zum Beispiel durch sein Heimatland Norwegen. Und schnell stellt er fest: «Du bist glücklich, weil du gehst.» Dies Gehen ist aber nicht nur Glück. Es ist auch ein Scheitern, es ist Trinken, ist Not, ist manchmal ein hohes Maß an Verzweiflung. Sein «Gehen» durch Norwegen, später Frankreich und Deutschland, ist eine existenzielle Erfahrung. Im Gepäck hat Espedal, der Schriftsteller, eine Reihe von Kollegen. Vor allem sind es Jean-Jacques Rousseau und Arthur Rimbaud, die ihn «begleiten». Später wird er auf Alberto Giacometti treffen, einen Dialog mit Eric Satie führen, in Deutschland dann, in Todtnauberg, auf Martin Heidegger («Der Feldweg») stoßen. So ist diese Reise auch und vor allem – neben den körperlichen Anforderungen – ein Abenteuer des Denkens.

Tomas Espedal an einer Lesung in Amerika

An einer Stelle zitiert Espedal Walt Whitman, auch er Tramp und Wandersmann:
«Zu Fuß und leichten Herzens schlag ich die offene Straße ein,
Gesund, frei, vor mir die Welt

Hinfort frage ich nicht nach Glück, ich bin das Glück

Stark und zufrieden zieh ich den offenen Weg.»

Tomas Espedal erzählt vom Abenteuer des Gehens und des Denkens in Reflexionen, Geschichten und wunderbaren Beschreibungen. Illustre Gefährten aus Literatur und Philosophie begleiten den «Landstreicher» auf seinen Wegen durch Norwegen, Frankreich, Deutschland, Griechenland und die Türkei – und die Landschaften des Denkens.

«Stark und zufrieden» zieht Espedal seinen Weg und lernt die Kunst zu reisen! Viele haben sich schon an ihr – teilweise sehr erfolgreich – versucht. W. G. Sebald fällt uns ein und Gottfried Seume. Und all die Flaneure und Spaziergänger der Literaturgeschichte. Tomas Espedal reiht sich mit seinen poetischen Texten ein. Und nimmt uns mit in ein «wildes» Leben, das im zweiten Teil des Buches nach Griechenland, über den Peloponnes und in die Türkei führt. Mit dem Autorenfreund Narve Skaar ist er unterwegs. Sie «gehen, um zu gehen, um zu sehen». Und sehen und erleben sehr viel. Daraus ergeben sich sehr schöne, kleine Erzählungen. Über Istanbul und Merih Günay, der an «Fernando Pessoa erinnert». Oder über den Oberst und seine Familie, denen sie, Espedal und Skaar, auf dem Wege nach Olympos begegnen.
Es ist das Abenteuerliche, das an diesem Buch fasziniert. Es sind aber auch auch die «Gespräche», die der Wanderer führt, die Reflexionen, die sich daraus ergeben. Der Leser «geht» gern mit, lässt sich führen und verführen.

Tomas Espedal, Gehen – oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen, 235 Seiten, Matthes & Seitz Berlin, ISBN 978-3-88221-551-9

Ihre Meinung ist willkommen!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s