Olaf Grabienski u.a. (Hg.): «Poetik der Oberfläche» – Die deutschsprachige Popliteratur

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Lese-Animierung mit wissenschaftlichem Anspruch

Jan Neidhardt

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«Popliteratur ist tot, schon kommt die Germanistik daher». Ein Zitat, das an unterschiedlichen Stellen im Buch «Poetik der Oberfläche» zu verwenden sich in diesem Zusammenhang offenbar in einem Anflug von Selbstironie anbietet. Die Popliteratur – und hier ist eigentlich von dem deutschsprachigen Phänomen die Rede – gilt tatsächlich mittlerweile als endgültig verstorben, jedenfalls, wenn man vom Coolheitsfaktor und der damit verbundenen Wirkmächtigkeit des Begriffs ausgeht.
Gewiss, die Popliteratur, das war eine Phase in den 90-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, Oberflächlichkeit spielten eine Rolle und natürlich das Pop- und Rockzitat. Wobei man natürlich Rock nicht sein wollte, wie man bei Lektüre von «Poetik der Oberfläche» erfahren kann. Die Texte, die Autoren wie Benjamin von Stuckrad-Barre, Christian Kracht oder Joachim Lottmann in dieser Zeit geschrieben haben, erscheinen als eine Art von Insiderliteratur, die sich nur bei der entsprechenden Sozialisation richtig erschließen kann, da es hier auch darum geht, Querverweise in die Populärkultur zu erkennen und richtig einzuordnen. Der Leser darf sich als Insider fühlen, als Teil der Szene, denn er hat die durchaus aktive Aufgabe, im Gewirr von gedroppten Namen und Situationen die «richtigen» Schlüsse zu ziehen und dabei zu erkennen, dass er den Test bestanden hat, denn er weiß wovon die Rede ist, kann sich als «cool» betrachten. (Ein Wort, das wahrscheinlich in diesem Zusammenhang völlig deplatziert ist, es gibt aber kein besseres).

Einflussreicher Schweizer Pop-Literat: Christian Kracht

In «Poetik der Oberfläche» geht es um eben dieses Thema: Was macht die Faszination der sog. Popliteratur aus, und wie kann man sie überhaupt eingrenzen? Verschiedene Autoren aus dem literatur- und sprachwissenschaftlichen Spektrum haben sich zu diesem Thema ihre Gedanken gemacht und meist spannende Aufsätze verfasst. Der erste Teil des Buchs beschäftigt sich mit der Geschichte der Popliteratur und dem gesellschaftlichen Kontext, in dem diese entstehen konnte. Besonders der Aufsatz von Thomas Hecken ist hier aufschlussreich, er charakterisiert den kulturellen Wandel in den 1990er Jahren treffend: «Das Projekt der neuen Mitte […] besteht nicht im Aufruf, sich den Freuden des Konsumierens und den Angeboten der Unterhaltungsindustrie ohne kulturkritische Bedenken hinzugeben. Es besteht vielmehr darin, das Bekenntnis zur kapitalistisch hervorgebrachten, medial inszenierten Wirklichkeit so zu konturieren, dass der Akzent nicht auf Konsum liegt, sondern auf der selbstbewussten vitalen Aneignung dieser rundweg akzeptierten modisch-zeitgenössischen liberal-kapitalistischen Wirklichkeit.»

Deutscher Exponent der Popliteratur: Joachim Lottmann

Die Wurzeln der Attitüde der Popliteratur werden in den 70er Jahren ausgemacht, einer Zeit, wo eine Jugend heranwuchs, die  mit den Wertvorstellungen der sog. 68er Generation konfrontiert war. Passend dazu wird im Buch an verschiedenen Stellen gerne Stuckrad-Barre zitiert, der einen Betriebsrat als «SPD-Nazi» beschimpft. Popliteratur also als bewusste Abgrenzung zu entsprechenden sozialen Werten, die allerdings im moralisierenden Gewand erscheinen und deshalb abzulehnen sind («Gemeinschaftskundelehrer und Latzhosenträger»).
Im zweiten Teil des Buch geht es um die Verbindungen zwischen Popliteratur und Popkultur, eben das, was die Popliteratur auch ausmacht: Der Verweis in die Welt der popkulturellen Sozialisation, das Zitat, das man verstehen, das man kennen muss, um dabei zu sein und zu kapieren. Spannend ist hier besonders der Aufsatz von Tilo Renz über den Roman «Tomboy», der starke Bezüge zu den Gender-Studies aufweist und zeigt, dass auch Wissenschaft durchaus als «Pop» lesbar ist. Sascha Seiler beschäftigt sich in seinem Aufsatz mit der Songlyrik in Deutschland; hier geht es darum, dass in der Musik, die ja in der angesprochenen Art von Literatur eine sehr wichtige Identifikationsquelle ist, ganz ähnliche Entwicklungen stattfanden, also wird eine gegenseitige starke Beeinflussung erkennbar.
Teil 3 des Buches beschäftigt sich mit der medialen Inszenierung der Autoren, hier wird klar, dass einen guten «Popliteraten» eben vor allem die virtuose Beherrschung der Register der Medienwelt ausgemacht hat – aber nicht nur das: Der Aufsatz von Katharina Picandet zeigt am Beispiel von Thomas Meinecke, der ja auch selbst DJ ist, wie die Selbstauffassung in dieser Art von Literatur zum Tragen kommt: Der Autor mixt und sampelt, er erfindet weniger selbst als dass er verarbeitet. Der Dichter als DJ: eine Vorstellung, auf die sich das Ganze in vielerlei Hinsicht sehr gut herunterbrechen lässt.
Im letzten Teil geht es dann um den Schweizer Christian Kracht, der ja auch oft stark in Verbindung mit Deutschland gesehen wird, wenn man z.B. an den Roman «Faserland» denkt. Kracht kann schon als ein typischer Vertreter seines Genres betrachtet werden, mit ihm wird gerne der Begriff des Dandys in Verbindung gebracht, der eben durch Oberfläche glänzt, auf der Höhe seiner Zeit ist und auch eine Art moderner Nomade, wie sich auch in seinen Romanen zeigt; Thema ist oft das der Reise oder des Fremden, was sehr schön in dem Aufsatz von Stefan Hermes herausgearbeitet wird.

«Poetik der Oberfläche» ist für all jene ein Gewinn, die sich mit aktueller (oder fast noch aktueller) Literatur beschäftigen. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse werden gekonnt vermittelt, literarische Entstehungsprozesse offengelegt und das Buch macht Lust, die weitere Entwicklung zu verfolgen.

Das Buch insgesamt richtet sich natürlich eher an ein germanistisch interessiertes Fachpublikum als an den gemeinen Leser. Wer sich aber mit Popliteratur identifizieren kann bzw. konnte – was nicht wenige Menschen sein dürften, denn davon lebt das Genre schließlich -, wird auch als aufmerksamer und kritischer Leser bei dieser Sammlung auf seine Kosten kommen. Denn hier finden sich Querverweise und Zitate genug. Das Buch glänzt auch mit interessanten Anregungen zum Lesen und Weiterlesen sowie mit – sicher eine Novität im eher wissenschaftlichen Kontext – jeweils  zu (fast) jedem Aufsatz  entsprechenden Platten-Diskographien. ■

Olaf Grabienski, Till Huber, Jan-Noël Thon (Hrsg.), Poetik der Oberfläche – Die deutschsprachige Popliteratur der 1990er Jahre, De Gruyter Verlag, 240 Seiten, ISBN 978-3-11-023764-1

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