Vergessene Bücher (2): Die Offizierin (N. Durowa)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 4 Minu­ten

Aller „naturhaften“ Determinierung entzogen

von Marianne Figl

In Öster­reich dis­ku­tiert man zur Zeit die Abschaf­fung der Wehr­pflicht. Meine bei­den Söhne haben ihre Pflicht im Zivil­dienst abge­leis­tet und damals noch viel Spott über sich erge­hen las­sen müs­sen – also: Was fas­zi­niert mich an Nadeschda Durowa, die­ser Frau, die vor ca. 200 Jah­ren ihr beque­mes bür­ger­li­ches Leben gegen ein anstren­gen­des, gefahr­vol­les und sehr schlecht ent­lohn­tes Dasein als Kavallerist(in) ein­ge­tauscht hatte, dabei offi­zi­ell als Mann auf­trat und schliess­lich für ihre gross­ar­ti­gen Leis­tun­gen einen der höchs­ten Orden vom Zar erhielt? Was ist es, das diese Aben­teu­re­rin so anmu­tig erschei­nen lässt, dass sie in ihrer Hei­mat fast wie eine Hei­lige ver­ehrt wird? Wer war über­haupt die Autorin von „Die Offi­zie­rin“ – einer Auto­bio­gra­phie, von der heute kaum jemand mehr redet?

Nächtens Mann und Kind verlassen

Nadeshda Durowa - Die Offizierin - Insel Taschenbuch Verlag
Nadeshda Durowa – Die Offi­zie­rin – Insel Taschen­buch Verlag

2012 jährt sich die Schlacht bei Boro­dino zum zwei­hun­derts­ten Mal; Russ­land zwang damals Napo­leon end­gül­tig zum Rück­zug. Die Durowa hat sich auch in die­ser Schlacht Lor­bee­ren geholt – die Autorin von „Die Offi­zie­rin“ also eine blut­rüns­tige Schläch­te­rin, ein Mann­weib, ver­bit­tert und gedan­ken­leer? Nein, eben nicht, eben ganz anders.
Natür­lich, sie ver­lässt näch­tens ihren Mann und ihr Kind, rei­tet fast ohne Gepäck und Geld los in eine unge­wisse Zukunft, um sich bei den durch­zie­hen­den Sol­da­ten­wer­bern als Jung-Offi­zier rekru­tie­ren zu las­sen, eben zum Kampf gegen Napo­leon. Die Frage also noch­mals anders­rum: Was trieb diese exzel­lente Rei­te­rin, die schon früh auf Bäume klet­terte, mit Pfeil und Bogen schoss, mit ihrem Vater lange Ritte ins wilde Gelände unter­nahm, was trieb die blut­junge Frau dazu, ihre weib­li­che Iden­ti­tät auf­zu­ge­ben und fortan unter dem Namen Alex­an­der Durow zu leben, nach­dem sie ihr gesamte Fami­lie ohne alle Ver­ab­schie­dung flucht­ar­tig hin­ter sich gelas­sen hatte?

Abscheu vor dem eigenen Geschlecht

„Alle natur­haf­ten Deter­mi­nie­run­gen“ hin­ter sich gelas­sen: Nadeshda Durowa

Nadeschda Durowa hatte nie Schul­bil­dung genos­sen, und doch brachte sie es im Selbst­stu­dium so weit, dass sie hei­mi­sche, fran­zö­si­sche und pol­ni­sche Lite­ra­tur lesen konnte. 1994 brachte Rai­ner Schwarz beim Kie­pen­heuer Ver­lag eine erste deut­sche Über­set­zung ihrer Auto­bio­gra­phie her­aus: „Die Offi­zie­rin – Das unge­wöhn­li­che Leben einer Kaval­le­ris­tin“ (zwi­schen­zeit­lich auch im Insel-Taschen­buch-Ver­lag ver­öf­fent­licht). Darin ist zu lesen, dass Nadeschda bereits als Vier­zehn­jäh­rige beschliesst, ein Mann zu wer­den und zu den Sol­da­ten zu gehen. Und wört­lich wei­ter: „Zwei Gefühle, die ein­an­der so wider­spre­chen – die Liebe zu mei­nem Vater und die Abscheu vor mei­nem Geschlecht -, erreg­ten meine junge Seele mit glei­cher Stärke und mit einer Fes­tig­keit und einer Aus­dauer, wie sie einem Mäd­chen in mei­nem Alter sel­ten zu eigen sind. Ich begann, einen Plan zu über­le­gen, um die Sphäre zu ver­las­sen, die dem weib­li­chen Geschlecht von der Natur und den Sit­ten bestimmt ist.“

Nach dem persönlichen Gewissen gehandelt

... ist eine Essay-Reihe, in der das Glarean Magazin Werke vorstellt, die vom kultur-medialen Mainstream links liegengelassen oder überhaupt von der
… ist eine Essay-Reihe, in der das Glarean Maga­zin Werke vor­stellt, die vom kul­tur-media­len Main­stream links lie­gen­ge­las­sen oder über­haupt von der „offi­zi­el­len“ Lite­ra­tur-Geschichte igno­riert wer­den, und doch von lite­ra­ri­scher Bedeu­tung sind über alle modi­sche Aktua­li­tät hin­aus. Die Autoren der Reihe pfle­gen einen betont sub­jek­ti­ven Zugang zu ihrem jewei­li­gen Gegen­stand und wol­len weni­ger beleh­ren als viel­mehr erin­nern und interessieren.

Nadeschda Durowa nahm sich also die Frei­heit, über ihr Leben selbst zu ent­schei­den, sie machte sich unab­hän­gig – und zahlte für diese Frei­heit den Preis der Ein­sam­keit, der Abge­schie­den­heit zwi­schen den Schlach­ten und Ein­sät­zen, die sie lesend und ihre Erin­ne­run­gen auf­zeich­nend verbrachte.
Zehn Jahre im Mili­tär­dienst, teil­weise auch im Win­ter, bei Regen und Wind, oft auf offe­nem Felde, jeden­falls immer in unge­heiz­ten Unter­künf­ten näch­ti­gend, doch nie wirk­lich krank wer­dend, obwohl ihre Ernäh­rung küm­mer­lich war… Den gan­zen Tag – oft auch mond­helle Nächte nut­zend – jagte sie zuletzt als Ordo­nanz des Feld­herrn Kutusow auf ihrem Pferd von Stel­lung zu Stel­lung, berühmt für ihren Mut, berüch­tigt für ihre kühl distan­zierte Hal­tung gegen­über ihren männ­li­chen Kollegen…

Als ich von ihrer Lebens­ge­schichte hörte und las, hat Nadeshda mein Herz berührt – genau an der Stelle, wo der Kant`sche „Her­zens­kün­di­ger“ sitzt: Die Durowa hat gehan­delt, und gehan­delt nach ihrem eige­nen Gewis­sen, um in der Frei­heit sich nicht instru­men­ta­li­sie­ren zu las­sen, auch nicht durch Ehe und Mut­ter­schaft, die­ser „natur­haf­ten Deter­mi­nie­rung“ hat sie sich ent­zo­gen, ris­kie­rend nicht ver­stan­den zu wer­den, ein­sam zu blei­ben – aber frei. ♦


Marianne FiglMari­anne Figl

Geb. 1946 in Wien, Stu­dium Male­rei & Gra­phik an der Hoch­schule für Angew. Kunst/Wien; Ate­lier in Salz­burg & Online-Gale­rie, Lite­ra­ri­sche Texte in Antho­lo­gien, lebt in Salzburg/A

Lesen Sie im Glarean Maga­zin aus der Reihe „Ver­ges­sene Bücher“ auch von Wal­ter Ehris­mann: „So grün war mein Tal“ (R. Llewellyn)

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