Peter Höner: «Gynt»

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Alle spielen Rollen – im Theater und im Leben

Günter Nawe

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Peer Gynt – wer kennt es nicht, das großartige dramatische Gedicht des Henrik Ibsen. Diese Geschichte von der Möglichkeit unterschiedlicher Lebensentwürfe, vom Spiel mit dem Schein und der Flucht in die Lüge. «Ibsens Höllenparabel» – wie Peter Höner schreibt.
Peer Gynt also, wie er einmal beschrieben wurde: als «ein Kerl für sich. Das war ein Abenteurer und Lügenschmied, wie er im Buche steht». Dieses dramatische Gedicht hat sich Peter Höner zum «Vorbild» genommen für seinen neuen Roman, der bezeichnenderweise im Theatermilieu spielt und den Titel «Gynt» trägt.
Peter Höner (Jahrgang 1947) kommt aus der Szene. Er hat als Schauspieler in Hamburg, Bremen, Berlin und Basel gearbeitet. Weitere berufliche Stationen: freischaffenden Schriftsteller und Regisseur. Lesenswert seine Kriminalromane «Seifengold», «Das Elefantengrab» und «Wiener Walzer» – sowie der zuletzt erschienene Roman «Am Abend, als es kühler wurde». Und jetzt «Gynt» – die Geschichte um die die berühmte Frage: «Wer bin ich?». Die Schauspielerin Johanna Hatt in Wien grübelt darüber, wie sie ihre Rolle als Geliebte Solveig anlegen soll. Und ihr Freund Daniel Tauber inszeniert in der Schweiz das gleiche Stück mit Jugendlichen.

Peter Höner

Beide «Inszenierungen» wachsen sich zu einer Auseinandersetzung mit dem Theater und über das Theater aus, in dessen Welt Höner den Leser auf sehr authentische Art entführt. Er gerät – wie auch die Personen des Romans – zunehmend in den Sog des Theaters, unterliegt seiner Faszination.
Alle Beteiligten – Johanna und Daniel, Anita und Jakob, Luka und Alisa, Felix und Sarina, Miriam und Severin – nehmen ihre eigene Wirklichkeit mit in das Theater und in das Stück: ihre Hoffnungen und ihr Scheitern, Utopien und Gewissheiten, jugendliches Schwärmen und die Rebellionen des Alters. Und alle spielen Rollen – auf dem Theater und im Leben, Konflikte zwischen beidem inbegriffen. Oder anders: Die Welt ist ein Theater und das Theater die Welt!

Auf jeden Fall verändert sich bei bei der Arbeit an dem Stück, schon fast zwangsläufig, das Stück selbst – und es verändern sich die Schauspieler. Diesen psychologischen Prozess lässt Höner den Leser miterleben, indem er in den einzelnen Kapiteln die verschiedene Sichtweisen nicht nur verdeutlicht, sondern ihnen – wie im Peer Gynts Beispiel von der Zwiebel – Schicht für Schicht auf den Grund geht. Höner gelingt dies auf sehr subtile Weise: durch den Perspektivenwechsel, aus denen heraus erzählt wird, mit sprachlichen Mitteln, die dem Autor in allen Facetten zur Verfügung stehen, durch eine spannende Inszenierung.

Peer-Gynt-Uraufführung 1876: Thora Neelsen als Solveigh

Konnte das also gut gehen, was Tauber sich vorgenommen hatte? Heißt es doch, dass sich «die Welt der Pubertierenden nicht auf ein Theaterstück aus dem vorletzen Jahrhundert beschränkte», sondern andere Ausdrucksformen hat. Er, der Regisseur Tauber, musste daran scheitern. «Er brandmarkte einen flunkernden Schelm als üblen Lügner, aber der eigenen Lebenslüge stellte er sich nicht». Und so verändern sich die Jugendlichen wie auch die Alten, deren vermeintliche Gewissheiten auf den Prüfstand kommen.
«Vom Erfolg war kaum die Rede, dafür vom Scheitern.» – Scheitern an sich, an den anderen, am Stück. So gibt es Selbstmord, es gibt Hass auf sich selbst und untereinander. Es gibt Verzweiflungen an der Rolle und an sich selbst. Es gibt Gleichgültigkeit. Und es gibt die Liebe. Allerdings wird Gynts Frage «Wer bin ich?» am Ende immer noch nicht beantwortet. Oder doch? Ist die Liebe ein Bleibendes und gewiß?

Was hat Peter Höner mit «Gynt» geschrieben? Einen Theaterroman. Einen Liebesroman und eine faszinierende psychologische Studie. Einen Generationenroman - und ein sehr lesenswertes Buch.

Der Schluss des Romans gibt vielleicht ein wenig Aufschluss. «Johanna hat ihre Hand auf den Arm Julias gelegt. ‚Sie spielen die Solveig?’, fragte das Mädchen. ‚Ich auch. Allerdings nur die blinde. Eine schwierige, aber auch eine schöne Rolle…’. Sie lächelte und drehte sich nach Julia um.»
Und dann geht es um einen Satz von Ibsen, den Solveig verstanden hatte, Julia erst einmal nicht und dann doch: «Die ungesungenen Lieder sind stets die schönsten.»
Was hat Peter Höner geschrieben? Einen Theaterroman. Einen Liebesroman und eine faszinierende psychologische Studie. Einen Generationenroman – und ein sehr lesenswertes Buch. ●

Peter Höner: Gynt, Roman, 284 Seiten, Limmat Verlag, ISBN 978-3-85791-623-6

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Textprobe

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