Armin Mueller-Stahl: Die Jahre werden schneller (Lyrik)

Vom Nonsens bis zur Altersweisheit

von Bernd Giehl

Armin Mueller-Stahl - Die Jahre werden schneller - Lieder und Gedichte - Aufbau VerlagDa könnte man ja rich­tig nei­disch wer­den. Ja na­tür­lich; Neid ist et­was für kleine Geis­ter zu de­nen man sich selbst­ver­ständ­lich nicht zählt, bei all den Be­ga­bun­gen die man hat und bei all dem, was man schon ge­leis­tet hat, Bü­cher in Mi­ni­auf­la­gen ver­öf­fent­licht und Re­zen­sio­nen ge­schrie­ben für «Glarean» und an­dere be­rühmte Ma­ga­zine, ganz ab­ge­se­hen da­von, dass man ja auch schon so viele Jahre im Be­ruf sei­nen Mann ge­stan­den hat, aber dann be­kommt man das neue Buch von Ar­min Mu­el­ler-Stahl in die Hand, das man erst ein­mal nicht so ganz ernst nimmt, weil man ja schließ­lich weiß, der Mann ist Schau­spie­ler und je­der Schau­spie­ler, der et­was auf sich hält, schreibt ab und an auch ein Buch – muss man ja, weil schließ­lich nur der bleibt, der schreibt, und schließ­lich ist der Mann ja ge­rade acht­zig ge­wor­den, da muss man ja was tun für den Nach­ruhm und die Nach­rufe, aber dann blät­tert man in die­sem Buch, liest sich fest und denkt, nanu, der kann ja noch mehr als nur den Kom­mis­sar Brockm­öl­ler in al­ten «Tatort»-Filmen spie­len oder mei­net­we­gen den al­ten Kon­sul in den «Bud­den­brooks» – der kann ja tat­säch­lich Ge­dichte schrei­ben.

Vom Kommissar Brockmüller zum Reim-Dichter

Schauspieler, Musiker, Maler, Schriftsteller: Hollywood-Star und Multitalent Armin Mueller-Stahl
Schau­spie­ler, Mu­si­ker, Ma­ler, Schrift­stel­ler: Hol­ly­wood-Star und Mul­ti­ta­lent Ar­min Mu­el­ler-Stahl

Doch ja, das kann er. Wo­bei die Ge­dichte manch­mal ein biss­chen alt­mo­disch wir­ken mit ih­rer (si­cher­lich ge­konn­ten) Reim­struk­tur. Nun könnte man ja sa­gen, seit ein paar Jah­ren ist Rei­men wie­der in, aber wie man an den Jah­res­zah­len sieht, die un­ter den Ge­dich­ten ste­hen, reimt Mu­el­ler-Stahl schon seit mehr als vier­zig Jah­ren. Wo­mög­lich tut er das, weil er auch noch Mu­si­ker ist und ver­mut­lich viele die­ser Ge­dichte auch noch ver­tont hat.
Aber gut; Was an Tief­sinn fehlt, macht Mu­el­ler-Stahl mit Frech­heit und Hu­mor wett. Wun­der­schön, wie er die paf­fende Fran­ziska ent­sorgt, in­dem er sie nachts, als sie schläft, in ei­nen Um­schlag steckt und in den Brief­kas­ten wirft. Und wenn ihn doch ein­mal der Welt­schmerz über­fällt, weil eine Ge­liebte ihn ver­las­sen hat, dann fällt ihm ga­ran­tiert ir­gend­et­was Iro­ni­sches ein.
Und die The­men? «Her­zens­sa­chen» hei­ßen sie, und «Auf und ab», «Krieg» auch, und schließ­lich noch – wie könnte es an­ders sein bei ei­nem Mann, der ge­rade die Acht­zig voll­endet hat – «Letzte Dinge». Am ehes­ten wird man Mu­el­ler-Stahl wohl ei­nen Mo­ra­lis­ten nen­nen kön­nen. Was – bitte mich nicht miss­zu­ver­ste­hen – zu­al­ler­letzt «Mo­ral­apos­tel be­deu­ten soll. Das ist er nicht.
Seine Ge­dichte ha­ben, so scheint mir, we­ni­ger den An­spruch, voll­endete Sprach­kunst­werke zu sein, son­dern sie wol­len die Welt ver­bes­sern. Viel­leicht nur ein klein we­nig. Durch Ein­sicht in die Be­grenzt­heit der Welt, der Men­schen und nicht zu­letzt des ei­ge­nen Ich. Oder manch­mal – so wie im Ka­pi­tel «Letzte Dinge» – wol­len sie auch nur hel­fen, die Welt ein biss­chen bes­ser zu er­tra­gen. Was ihm, wie er mit ei­nem Au­gen­zwin­kern zu­gibt, nicht im­mer ge­lingt. Viele Ge­dichte ste­hen in der Tra­di­tion von La Fon­tai­nes, le­sen sich wie Fa­beln, nur dass La Fon­taine seine Fa­beln nicht ge­reimt hat. Die­sen An­spruch mag man naiv nen­nen oder weise; ich ver­mute, dass das den Au­tor nicht küm­mert. Er will auf seine Weise zu sa­gen ver­su­chen, was nicht ge­lun­gen ist.

Über den Krieg, über die Liebe, über die DDR

Der große deutsche Weltstar (Schauspieler, Musiker, Maler, Schriftsteller...) Armin Mueller-Stahl legt mit seinem neuen Band ein weites Lyrik-Panorama vom Nonsens bis zur Altersweisheit vor. Eindrücklich.
Der große deut­sche Welt­star (Schau­spie­ler, Mu­si­ker, Ma­ler, Schrift­stel­ler…) Ar­min Mu­el­ler-Stahl legt mit sei­nem neuen Band ein wei­tes Ly­rik-Pan­orama vom Non­sens bis zur Al­ters­weis­heit vor. Ein­drück­lich.

Und so schreibt er über den Krieg, die Liebe, die ja auch nicht im­mer ge­lingt, und auch seine Er­fah­run­gen mit Freun­den, die ihn, den ge­lern­ten DDR-Bür­ger an die Stasi ver­ra­ten ha­ben, spart er nicht aus. Da ge­lingt ihm dann nicht mehr, was er sonst so meis­ter­haft be­herrscht: im leich­ten Ton das Schwere sa­gen, ver­mut­lich weil das eine der schlimms­ten Ent­täu­schun­gen ei­nes lan­gen Le­bens ist. Aber als wei­ser al­ter Mann, der er ja ist, hat er das selbst ge­wusst und die Ge­dichte trotz­dem in die­sen Band auf­ge­nom­men. Ich per­sön­lich finde, dass ihn das ehrt. Auch Non­sens-Ge­dichte wie das von der blauen Kuh, die ihre ei­gene Milch trinkt, oder je­nes vom Ap­fel­baum, der ganz oben auf der Spitze eine Pflaume trägt, oder eben dies von Fran­ziska, die per Eil­brief «ent­sorgt» wird, sind da­bei.
Aber was mir per­sön­lich am bes­ten an die­sem Buch ge­fällt, sind die Col­la­gen. Manch­mal ist die Grund­lage ein ei­ge­ner oder frem­der Text, den er dann mit Far­ben und For­men über­malt. Manch­mal neh­men sie das Thema ei­nes Ge­dichts noch ein­mal auf; ein an­ders Mal sind es abs­trakte Ge­mälde.
Ar­min Mu­el­ler-Stahl: Schau­spie­ler, Mu­si­ker, Ma­ler, Schrift­stel­ler, Mul­ti­ta­lent. Ob das wohl al­les auf eine Vi­si­ten­karte passt? Bei so vie­len Be­ga­bun­gen könnte man schon ein­mal nei­disch wer­den… ■

Ar­min Mu­el­ler-Stahl, Die Jahre wer­den schnel­ler – Lie­der und Ge­dichte, 220 Sei­ten, Auf­bau-Ver­lag, ISBN-13 978-3351033163

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