Corina Caduff: «Kränken und Anerkennen» (Essays)

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Warum Herr Freud gekränkt war

Dr. Karin Afshar

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Ein Essay ist eine aus einem persönlichen Blickwinkel erklärende Darstellung kultureller, gesellschaftlicher oder philosophischer Themen. Ein Essay – auch wenn er grundsätzlich nicht fiktional ist – enthält erzählerische Passagen. Außerdem sind Essays chronologisch, normalerweise eher kurz (5-10 Seiten) – feste Regeln aber gibt es nicht –, und jeder neue Begriff wird eingeführt und vorgestellt. Essays sind, wie die französische Bedeutung des Wortes sagt, Versuche, Großes und Kleines, Wichtiges und scheinbar Unwichtiges zusammenzubringen und zu beleuchten.

Die Schweizer Literaturwissenschaftlerin Corina Caduff hat sich in zehn solcher «Versuche» knapp 170 Seiten lang mit dem Thema «Kränken und Anerkennen» auseinander gesetzt. Nun sind Essays keine leichte Lektüre – sie verlangen vom Leser ein Mitgehen. Nicht selten sind sie erst dann richtig interessant, wenn das Thema ihn persönlich betrifft. So ging es mir: wie durch Zauberhand legten sich auf meinen Tisch nicht nur das Buch, sondern mehrere Fälle von Beziehungs- und Kommunikationsproblemen, die mit einer nicht geleisteten Anerkennung, mit dem Äußern von Kritik, die als zu vernichtend empfunden wurde und daraus resultierendem Kränkungsgefühl zu tun hatten. Gleichzeitigkeit von Ereignissen nennt man das, und ich hatte mehr als einen Grund, mit Gier und Neugier Caduff zu erlesen, und so trat ich in Gedankenaustausch mit ihr.

Die Essays kommen nicht glatt daher, apodiktische Antworten gibt es nicht – wohl aber vorläufige, die Raum zu eigenen Überlegungen lassen. Die Autorin gibt Einblicke in ihr Denken und Fühlen, lässt den Leser teilhaben und setzt sich einer Kritik aus, die sie kränken könnte. Es erfordert Mut, seine Gedanken zu den Dingen der Welt zu äußern, denn man gibt sich eine Blöße.
«Der wunde Punkt scheint darin zu bestehen, dass sie mit ihrem Produkt, das sie der Öffentlichkeit anvertrauen wollen, aufs empfindlichste verwoben sind.» heißt es im Essay «Kunst und Kritik». Darin geht es um die Beziehung zwischen dem Künstler, seinem Werk und dem Publikum, dem er es darbringen möchte.

Ein anderer Titel: «Erschrecken». Die Lust am Erschrecken, schreibt Caduff, hat mit Macht und Kontrollausübung zu tun. Endlich bestimmt man als Erschreckender einmal aktiv und unmittelbar sichtbar über eine Reaktion bei anderen. Der Erschrockene wiederum erlebt einen Zeitriss, bei dem er aus dem Zeitkontinuum fällt. Das Eintreten dieses Zeitrisses beschreiben wir landläufig als «plötzlich» – dank Caduff habe ich nun verstanden, warum Geschichtenschreiber sich dieses Wörtchens befleißigen, wenn sie Spannung erzeugen wollen. Der Riss in der Zeit geht mit einem Verlust von Fassung einher und stellt eine Attacke dar; in unserer (evolutionären) Erinnerung ist es das Hereinbrechen des Jägers über sein Beutetier. In unserer zivilisierten Welt nehmen wir das Erschrecktwerden sehr übel – ist es doch der vorübergehende Verlust der Integrität des Selbst, und damit eine Kränkung.

Blicke sind ebenso wie Geld Machtwerkzeuge, angetan, sowohl zu vernichten wie auch zu trösten. In noch weiteren Essays streifen wir Abbildungen von Toten, den Umgang mit Kranksein und Sterben und Begegnungen mit dem Jenseits. Auch die Wissenschaftsgeschichte trägt bei: in «Kränkungen der Menschheit» machen wir einen Abstecher in den Themenkreis «Wissenschaft versus Religion».

Corina Caduff schreibt für Menschen, die sich ihre eigenen Gedanken machen können und – gehört damit zu jener neuen Generation von Philosophen, die sich die Empirie des eigenen Lebens und der eigenen Erfahrung erlauben, auch wenn sie Gefahr laufen, zu wiederholen, was «man» längst weiß. Weiß man es wirklich?

Corina Caduff ist eine Wissenschaftlerin; ihre Gedanken versieht sie mit Querverweisen auf weitere Literatur. Der nun hungrig gewordene, interessierte Leser kann sich in die Themen weiter einlesen und die Hintergründe vertiefen. Caduff schreibt für Menschen, die sich ihre eigenen Gedanken machen können und – gehört damit zu jener neuen Generation von Philosophen, die sich die Empirie des eigenen Lebens und der eigenen Erfahrung erlauben, auch wenn sie Gefahr laufen, zu wiederholen, was «man» längst weiß. Weiß man es wirklich?

Caduffs Stil ist konstant und durchstrukturiert. Da ist nichts dem Zufall überlassen: sie ist pointiert und kokettiert doch mit dem Vorläufigkeitscharakter des «Versuchs». An manchen Stellen gibt es mehr Erzählung, bisweilen verlässt sie die Rolle der Betrachtenden und Reflektierenden und ist dann erlebender Mensch, sehr real und lebendig. «Tote zeigen» beinhaltet einen fünfseitigen Abschnitt über einen Aufenthalt in Kathmandu, und gleich zu Beginn ist es das Erlebnis des Fliegens, das sie mit uns teilt. Im letzten Essay ist es ein Selbstversuch, den sie schildert, und damit beginnt und endet der Zyklus bei der Person – ein persönliches Buch! ■

Corina Caduff, Kränken und Anerkennen, Essays, 168 Seiten, Lenos Verlag, ISBN 978-3857877438

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