Katharina Döbler: «Die Stille nach dem Gesang»

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Leise, beziehungsreich, kunstvoll

Bernd Giehl

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Am Ende beschreibt dieser Roman einen Kreis. Am Ende kehrt er zu seinem Anfang zurück. Am Ende versteht man manches besser.
Allein die Frage aller Fragen, welches Leben denn nun das Richtige sei, kann man immer noch nicht beantworten.
«Die Stille nach dem Gesang» von Katharina Döbler ist ein sehr kunstvolles Buch. Und schon das habe ich genossen. Es ist aber auch ein leises Buch. Und eins, das einen vor Fragen stellt, die man nicht beantworten kann. Zum Beispiel, wie man selbst eigentlich leben möchte. Aber damit greife ich schon wieder vor.

Fangen wir erst einmal mit dem Offensichtlichen an. «Die Stille nach dem Gesang» handelt von zwei grundverschiedenen Menschen, die aber trotz allem ein Paar sind. Es handelt von Falk Margraf, Spross der berühmten Margraf Dynastie, Erbe eines großen Vermögens und zugleich – zum Missfallen seiner Familie, die die Tradition Richard Wagners hochhält – Popsänger. Und es handelt zum anderen von Alexandra Zelinski, einer ehemaligen Sängerin, die aber zugunsten von Falk Margraf ihre Karriere aufgibt. Weniger offensichtlich ist, dass nicht alles, was erzählt wird, auch der Wahrheit entspricht. Oder zumindest nicht die ganze Wahrheit ist.
Das beginnt schon auf den ersten Seiten. «Er wollte sie sehen», heißt es von Falk Margraf, «Alex, ihr Haar fallen sehen, ihren langen Hals, er wollte wissen, wie sie jetzt war, nach den fast zwei Monaten, in denen er sie nicht um sich gehabt hatte. Dass Alex ein Leben für sich allein führen sollte, war jetzt jenseits seiner Vorstellung. Er hatte nie das Gefühl gehabt, dass sie irgendetwas tat, von dem er nichts wusste.
Bevor er abgeflogen war, hatte er sie noch einmal unter seiner alten Telefonnummer angerufen. Er hatte nur gesagt, dass er heute am Nachmittag käme. Sie wartete vielleicht schon auf ihn. Sie hatte immer gewartet, auf Flughäfen und Bahnhöfen und zu Hause sowieso. Wenn er aus seinem Studio kam, war sie da, einfach da. Mit einem Buch, mit einem Kaffee, mit dem Telefon, mit Nagellack, mit einer Zigarette. So würde sie auch heute da sein.»

Katharina Döbler (Foto: K. Behling)

In diesen wenigen Sätzen ist schon in nuce das Thema des Buches entfaltet. Ein Mann, der hinausgeht ins «feindliche Leben», und eine Frau, die brav zuhause auf ihn wartet. In diesem Augenblick wissen wir weder, wer der Mann, noch wer die Frau ist. Wir stellen uns ein Wiedersehen voller Romantik vor. Eine gewisse erotische Spannung scheint in der Luft zu liegen. Möglich aber auch, dass es zum Streit kommt, zu gegenseitigen Vorwürfen. Aber auch hier gilt, ähnlich wie im Kriminalroman: Nichts ist, wie es scheint. Die Begegnung, die wir erwarten, wird nicht erzählt. Stattdessen wechselt die Perspektive im nächsten Kapitel zur Beschreibung eines Wintermorgens in Berlin, zu einem Vorhang, der sich im Klappfenster verfangen hat und hinaus weht und in dieser sehr dichten Beschreibung eine Frau mit zwei Kindern. Es ist Alex, die Geliebte von Falk Margraf.
«Kuck, Rafi, sagte Wanda in feierlichem Ton, zu ihrem kleinen Bruder, das da ist ein Gespenst.» Rafi will nach dem «Gespenst», dem weißen Vorhang greifen, aber Wanda, die größere Schwester verbietet es ihm, mit der Begründung, das sei ein «wildes Gespenst», es brauche Freiheit. Auch hier wissen wir noch nicht, dass Katharina Döbler eine Szene zwischen zwei Kindern zum Symbol verdichtet, weil wir noch nicht wissen, dass Falk Margraf seit acht Jahren tot ist – geschweige denn, dass wir ahnen, wie sehr Alexandras Leben immer noch um Falk Margraf und ihre Beziehung zu ihm kreist. Aber auch für sie ist der wehende Vorhang ein Symbol, allerdings kein romantisches. «Alexandra sah kein Gespenst, so sehr sie sich auch anstrengte. Das Einzige, was ihre erwachsene Fantasie hergab, war eine Fahne, eine weiße Fahne der Ergebenheit, die idiotisch über einem Berliner Bürgersteig wehte.»
Katharina Döbler hat ein Talent für solche verdichtete Szenen. Szenen, die viel mehr enthalten als das, was man im Moment des Lesens wahrnehmen kann. Erst nach und nach enthüllt sich das ganze Panorama. Es geht um einen Mann und eine Frau und ihre schwierige Beziehung zueinander. Immer abwechselnd wird das Geschehen (wenn man es denn so nennen will) erzählt. Zum einen geht es um einen Tag im Leben des Falk Margraf, einen Tag, an dem er aus Madrid nach Berlin kommt, an dem er später erfährt, dass die Mutter ihren Reichtum in eine Stiftung für die Förderung junger Musiker einbringen will, und an dem er schließlich stirbt – und zum anderen um Alexandra Zelinski, deren Leben immer noch um einen Abwesenden kreist.

Katharina Döblers «Die Stille nach dem Gesang» ist ein Roman, der einen Kontrapunkt setzt zu all dem modischen Gerede über Bildung und Aufstieg, über Selbstverwirklichung und Karriere, ein Roman, der eher die Frage stellt, was denn bleibe, wenn das alles wegfällt - und der im übrigen auch ein völlig anderes Frauenbild zeichnet, als wir es gewohnt sind. Ein Buch: Leise, beziehungsreich, kunstvoll.

Der Titel «Die Stille nach dem Gesang» deutet es schon an: Dies ist ein leises Buch. Die Menschen, die hier geschildert werden, sind seltsam passiv. Sie haben kein Lebensprogramm, das sie verfolgen, und wenn sie es haben, zerrinnt es ihnen zwischen den Fingern. Mehrmals wird Alexandra von ihrer Freundin Lydia gefragt, ob das denn das Leben sei, das sie sich gewünscht habe. Die Frage ist nur zu verständlich. Schließlich hat sie ihre Karriere als Sängerin für Falk aufgegeben und sie nimmt sie auch nach dessen Tod nicht wieder auf. Stattdessen kümmert sie sich um ihre Kinder. Selbst Falk Markgraf, einstmals berühmter Popsänger der Gruppe «Eckstein», ist nicht mehr der zupackende Mann, der er einst war. Zwar fliegt er noch viel in der Welt herum, aber das, was ihm wirklich wichtig ist, die Oper, an der er schreibt, kann er auch nach Jahren nicht fertigstellen. Und ansonsten sieht er dem langsamen Verfall seiner Familie zu.
Die Anklänge an Thomas Manns berühmten Roman «Buddenbrooks» sind wohl alles andere als zufällig. Einer der Markgraf-Brüder wird sogar Hanno genannt; nur dass nicht Hanno stirbt, sondern Falk. Auch zwei andere Mitglieder der Familie sind schon tot: Gerda, die älteste Tochter, sowie Veit, der zuerst die Firma des Vaters übernahm, obwohl er eher ein künstlerisch begabter Mensch war, und der dann zu weit ins Meer hinausschwamm, was zumindest die Mutter als Badeunfall tarnen will. Nachdem auch Falk an einem Herzinfarkt gestorben ist und Hanno sich davongemacht hat, ohne eine Adresse zu hinterlassen, ist nur noch Isolde übrig, die ehemalige Wagnersängerin und jetzige Intendantin, sowie die alte Mutter.
Das alles erinnert schon sehr an die «Buddenbrooks». Aber anders als in Thomas Manns berühmten Roman ist der Zerfall einer Familie eher ein Nebenthema, und auch die Erzählstruktur von «Die Stille nach dem Gesang» ist eine völlig andere. Es sind eher die Buddenbrooks nach dem Ende: Alexandra, die um die Anerkennung ihrer Tochter Wanda als Tochter von Falk Margraf kämpft, obwohl man auch da nicht sicher sein kann, ob sie wirklich Falks Tochter ist. Alexandra, die versucht, ein eigenes Leben zu finden und die doch immer wieder um ihren Fixstern «Falk» kreist.

Alles in allem ein Roman, der einen Kontrapunkt setzt zu all dem modischen Gerede über Bildung und Aufstieg, über Selbstverwirklichung und Karriere, ein Roman, der eher die Frage stellt, was denn bleibe, wenn das alles wegfällt – und der im übrigen auch ein völlig anderes Frauenbild zeichnet, als wir es gewohnt sind. Jedenfalls finde ich es bemerkenswert, das eine Frau eine «Heldin» in den Mittelpunkt ihres ersten Romans stellt, die so passiv ist und so unemanzipiert wie Alexandra. Was wohl die Feministinnen zu dieser «Heldin» sagen?
Aber wie auch immer: Ich habe «Die Stille nach dem Gesang» gerne gelesen und vermutlich werde ich es nach einiger Zeit noch einmal lesen. Schon allein deshalb, weil ich dann vermutlich noch ein paar Anspielungen entdecken werde, die ich beim ersten Mal überlesen habe. ■

Katharina Döbler: Die Stille nach dem Gesang, Roman, Galiani Verlag, 272 Seiten, ISBN 978-3-86971-021-1

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Katharina Döbler liest aus Die Stille nach dem Gesang bei Literaturport

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