Michael Kleeberg: Das amerikanische Hospital

Von geschundenen Seelen

von Gün­ter Nawe

Michael Kleeberg: Das amerikanische Hospital - Roman - DVA VerlagEr stand auf der Long­list der Vor­schläge zum Deut­schen Buch­preis 2010, hat es aber lei­der nicht in die Short­list der sechs ver­meint­lich bes­ten Ro­mane die­ses Jah­res ge­schafft. Das ist zu be­dau­ern. Denn Mi­chael Klee­berg ge­hört zwei­fels­frei zu den be­deu­tends­ten deut­schen Au­to­ren der Ge­gen­wart – und der neue Ro­man «Das ame­ri­ka­ni­sche Hos­pi­tal» zu den wich­tigs­ten und schöns­ten Neu­erschei­nun­gen.
Klee­berg, be­reits viel­fach preis­ge­krönt, hat sich vor al­lem mit Ti­teln wie «Der Kö­nig von Kor­sika» und «Karl­mann» ei­nen Na­men ge­macht. Au­ßer­dem ist er als her­vor­ra­gen­der Über­set­zer be­kannt. Zum Bei­spiel von Mar­cel Prousts «Com­bray» und «Eine Liebe Swanns» – beide al­ler­dings eher bril­lante «Nach­dich­tun­gen».
Jetzt also «Das ame­ri­ka­ni­sche Hos­pi­tal», ein Buch, in dem Klee­berg sehr ein­dring­lich Zeit­ge­schichte und Pri­vat­ge­schichte mit­ein­an­der ver­bin­det, tief in die See­len sei­ner Prot­ago­nis­ten ein­taucht, so­zu­sa­gen mit dem li­te­ra­ri­schen Se­zier­mes­ser die ver­schie­de­nen Schich­ten of­fen­legt.

Sensible und eindringliche Schilderung einer Annäherung

Michael Kleeberg bei Recherchen mit UNO-Soldaten im Südlibanon (Litani-Fluß / Juli 2008)
Mi­chael Klee­berg bei Re­cher­chen mit UNO-Sol­da­ten im Süd­li­ba­non (Li­tani-Fluß / Juli 2008)

Pa­ris 1991. In der Emp­fangs­halle ei­nes ame­ri­ka­ni­schen Hos­pi­tals tref­fen sich Hé­lène und Da­vid. Sie, fran­zö­si­sche Mit­tel­schicht, möchte sich per In-vi­tro-Fer­ti­li­sa­tion ei­nen lang­ge­heg­ten Kin­der­wunsch er­fül­len. Er, ame­ri­ka­ni­scher Sol­dat, ist we­gen sei­ner Trau­mata und Pa­nik-At­ta­cken, die er aus dem ers­ten Irak-Krieg da­von­ge­tra­gen hat, in psych­ia­tri­scher Be­hand­lung.
Sen­si­bel und sehr ein­dring­lich schil­dert Mi­chael Klee­berg die Än­nä­he­rung die­ser bei­den Men­schen. Er er­zählt von den Er­fol­gen und Miss­er­fol­gen ih­rer «Be­hand­lun­gen». Die kon­tra­punk­ti­sche An­lage des Bu­ches er­mög­licht es dem Le­ser, sich von ver­schie­de­nen Sei­ten her dem Thema Klee­bergs zu nä­hern: Der Frag­wür­dig­keit tech­ni­scher, po­li­ti­scher und bü­ro­kra­ti­scher Fak­to­ren auf das Le­ben des In­di­vi­du­ums im 20. Jahr­hun­dert.

Hé­lène un­ter­zieht sich im­mer wie­der der tech­nisch-nüch­ter­nen Pro­ze­dur, die die Re­pro­duk­ti­ons­me­di­zin bie­tet, um sich den Kin­der­wunsch zu er­fül­len. Und je­des­mal er­folgt auf die Hoff­nung die Ent­täu­schung. «A bloody mess» – ein tra­gi­sches Er­leb­nis folgt auf das nächste. Die see­li­schen Fol­gen sind un­über­seh­bar.
Da­vid, Li­te­ra­tur- und Ly­rik­fan und Sol­dat, lei­det an den see­li­schen Be­schä­di­gun­gen, die seine Teil­nahme am ers­ten Irak-Krieg her­vor­ge­ru­fen ha­ben. Post­trau­ma­ti­sche Be­las­tungs­stö­run­gen nennt man das. Ein­fa­cher ge­sagt: Es sind die Bil­der, die sich ihm ein­ge­brannt ha­ben – von den Ibis­sen, die eine Öl­la­che mit ei­nem See ver­wech­seln und elen­dig­lich zu Grunde ge­hen. Oder von den Kin­dern, die in Basra von ei­ner Bombe zer­fetzt wer­den. «A bloody mess» auch hier und für ihn.

Gute Dialoge korrespondieren mit der Außenwelt

Ein fesselnder Roman, der den Leser im wahrsten Sinne des Wortes mitnimmt; atmosphärisch dicht und sprachlich brillant. Große Literatur, die eindringlich von Individuen erzählt, die Zeitgeschichte nicht nur erleben, sondern an sich selbst erfahren.
Ein fes­seln­der Ro­man, der den Le­ser im wahrs­ten Sinne des Wor­tes mit­nimmt; at­mo­sphä­risch dicht und sprach­lich bril­lant. Große Li­te­ra­tur, die ein­dring­lich von In­di­vi­duen er­zählt, die Zeit­ge­schichte nicht nur er­le­ben, son­dern an sich selbst er­fah­ren.

Sie möchte neues Le­ben schaf­fen; er in ein neues Le­ben zu­rück­fin­den. Auf die­ser Ebene fin­den sie sich, kom­men sie sich nä­her. Klee­berg, bril­lan­ter Er­zäh­ler, der er ist, schil­dert auf sehr prä­zise Weise diese Er­leb­nisse und Vor­komm­nisse. Vor al­lem aber sind es Hé­lène und Da­vid, die sich nach und nach da­von er­zäh­len: Von ih­rem Le­ben, von der Li­te­ra­tur, die sie beide ken­nen und lie­ben, und von sich selbst und ih­ren ge­schun­de­nen See­len – und auf diese Weise eine The­ra­pie ab­sol­vie­ren, die er­folg­rei­cher ist als jene der Ärzte des ame­ri­ka­ni­schen Hos­pi­tals. Eine «Ob­jek­ti­vie­rung» des Er­zähl­ten er­folgt quasi durch eine dritte Per­son in die­sem «Zwei­per­so­nen­stück», durch den ei­gent­li­chen Er­zäh­ler, der am Ende so et­was wie ein Re­su­mee zieht, wenn er von den Brie­fen er­zählt, die sich Hé­lène und Da­vid ge­schrie­ben ha­ben – und von der Tren­nung Hé­lè­nes von ih­rem Mann.

Die aus­ge­zeich­ne­ten Dia­loge zwi­schen Hé­lène und Da­vid, in de­nen sich ihr In­nen­le­ben dar­stellt, kor­re­spon­die­ren mit der Au­ßen­welt, den Bil­dern, die Klee­berg von den Spa­zier­gän­gen der bei­den durch Pa­ris, durch den Hos­pi­tal­park, über den Père Lachaise zeich­net. Auch diese Bil­der hei­len. Und wenn sich am Ende beide zwar nä­her ge­kom­men sind, sich aber dann doch tren­nen, so ge­schieht das ir­gend­wie ver­söhnt – mit ih­rem Schick­sal, mit sich selbst und ein we­nig auch wie­der mit der Welt. ■

Mi­chael Klee­berg: Das ame­ri­ka­ni­sche Hos­pi­tal, Ro­man, 232 Sei­ten, Deut­sche Ver­lags-An­stalt, ISBN 978-3-421-04390-0

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