Zum Tode von Schach-Grossmeister Bent Larsen

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Ich spiele auf Sieg“

von Walter Eigenmann

Wie die Däni­sche Schach-Union mel­det, ist vor­ges­tern in Bue­nos Aires der legen­däre, bis heute in brei­ten Schach­krei­sen popu­lär geblie­bene däni­sche Schach-Gross­meis­ter Bent Lar­sen im Alter von 75 Jah­ren gestor­ben. Laut Medi­en­be­rich­ten litt Lar­sen seit län­ge­rem an star­ker Diabetes.

Bent Lar­sen gehörte in den Sech­zi­gern und Sieb­zi­gern des 20. Jahr­hun­derts nicht nur zu den erfolg­reichs­ten Tur­nier­lö­wen über­haupt, son­dern auch zu den beson­ders inno­va­ti­ven Schach­theo­re­ti­kern (—> Lar­sen Sys­tem: 1.b3). Zu Zei­ten von Bobby Fischers Anfän­gen galt der däni­sche Gross­meis­ter, des­sen tak­tisch ein­falls­rei­cher, opfer­freu­di­ger, teils auch stra­te­gisch tief­sin­ni­ger Schach­stil all­ge­mein bewun­dert und gefürch­tet wurde, zeit­weise als die Num­mer Eins der west­li­chen Schach-Welt.

Der junge Bent Larsen als Simultanist gegen eine noch jüngere Gegnerin (Kroon 1959)
Der junge Bent Lar­sen als Simul­ta­nist gegen eine noch jün­gere Geg­ne­rin (Kroon 1959)

Lar­sens stärks­tes his­to­ri­sches Elo-Rating betrug 2660, das er im Februar 1971 erreichte; damit lag er auf Platz Drei der Welt­rang­liste. Beim pres­ti­ge­träch­ti­gen Wett­kampf UdSSR gegen den Rest der Welt 1970 in Bel­grad spielte er am Spit­zen­brett, wobei er seine drei Begeg­nun­gen mit Welt­meis­ter Boris W. Spas­ski aus­ge­gli­chen zu gestal­ten ver­mochte. In sei­ner Blü­te­zeit war Lar­sen (wie spä­ter Fischer) als Boll­werk gegen die sowjet-rus­si­sche Schach-Hege­mo­nie stark ideo­lo­gi­siert bzw. instru­men­ta­li­siert worden.

1980 lernte Lar­sen in Bue­nos Aires seine spä­tere Frau Laura ken­nen, eine pro­mo­vierte Juris­tin und Rechts­an­wäl­tin. Seit­dem lebte er in Argen­ti­nien. Bent Lar­sen schrieb meh­rere schach­theo­re­ti­sche Bücher und war seit län­ge­rem stän­di­ger Kolum­nist der deut­schen Schach­zeit­schrift Kaissiber.

Mit Phantasie und Supertaktik zu zahlreichen Turniersiegen

Desaster in Denver: WM-Halbfinale gegen das Jahrhundert-Genie Fischer
Desas­ter in Den­ver: WM-Halb­fi­nale gegen das Jahr­hun­dert-Schach­ge­nie Bobby Fischer (0:6)

Lar­sens Kampf-Motto (und einer sei­ner Buch-Titel) lau­tete: „Ich spiele auf Sieg„; dem­entspre­chend heimste der phan­ta­sie­volle Däne eine Reihe von präch­ti­gen Tur­nier­sie­gen ein. Nament­lich zu nen­nen wären u.a. Ams­ter­dam 1964, Sousse 1967, Havanna 1967 oder Monaco 1968, spä­ter das Inter­zo­nen­tur­nier 1976 im schwei­ze­ri­schen Biel.
Einer sei­ner spek­ta­ku­lärs­ten Par­tien datiert aus dem Jahre 1970: Damals fügte er dem spä­te­ren Welt­meis­ter Fischer am Inter­zo­nen-Tur­nier in Palma de Mal­lorca als Schwar­zer eine viel­be­ach­tete Nie­der­lage zu (um aller­dings auf­grund sei­nes kom­pro­miss­lo­sen Kampf­stils gegen den­sel­ben Fischer im fol­gen­den Kan­di­da­ten-Match mit 0:6 das Schach-Trauma sei­nes Lebens zu erleiden):

Robert J. Fischer – Bent Larsen

Palma de Mal­lorca 1970

1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 Sc6 6.Lc4 e6 7.Lb3 Le7 8.Le3 0-0 9.De2 a6 10.0-0-0 Dc7 11.g4 Sd7 12.h4 Sc5 13.g5 b5 14.f3 Ld7 15.Dg2 b4 16.Sce2 Sxb3+ 17.axb3 a5 18.g6 fxg6 19.h5 Sxd4 20.Sxd4 g5 21.Lxg5 Lxg5+ 22.Dxg5 h6 23.Dg4 Tf7 24.Thg1 a4 25.bxa4 e5 26.Se6 Dc4 27.b3 Dxe6 28.Dxe6 Lxe6 29.Txd6 Te8 30.Tb6 Txf3 31.Txb4 Tc8 32.Kb2 Tf2 33.Tc1 Lf7 34.a5 Ta8 35.Tb5 Lxh5 36.Txe5 Le2 37.Tc5 h5 38.e5 Lf3 39.Kc3 h4 40.Kd3 Te2 41.Tf1 Td8+ 42.Kc3 Le4 43.Kb4 Tb8+ 44.Ka3 h3 45.e6 Lxc2 46.b4 Te3+ 47.Kb2 Ld3 48.Ta1 La6 49.Tc6 Txb4+ 50.Kc2 Lb7 51.Tc3 Te2+ 52.Kd1 Tg2 0-1

Dabei war Lar­sen nicht nur ein genia­ler Mit­tel­spiel-Tak­ti­ker, son­dern auch im End­spiel höchst gefähr­lich. Ein ein­drück­li­ches Bei­spiel die­ser Gefähr­lich­keit lie­ferte er noch 20 Jahre spä­ter in Has­tings gegen den star­ken rus­si­schen Gross­meis­ter Evgeny Bareev:

Bent Larsen – Evgeny Bareev

Has­tings 1990

1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6 4.Lg5 Le7 5.e5 Sfd7 6.Lxe7 Dxe7 7.f4 0-0 8.Sf3 c5 9.Dd2 Sc6 10.0-0-0 cxd4 11.Sxd4 Sb6 12.De3 Ld7 13.Kb1 Dc5 14.h4 Tac8 15.Th3 Sa5 16.Sb3 Dxe3 17.Txe3 Sac4 18.Tf3 f6 19.exf6 Txf6 20.Sd4 Tcf8 21.Lxc4 Sxc4 22.b3 Sd6 23.Te3 b5 24.a3 a5 25.g3 b4 26.axb4 axb4 27.Sa2 Tb8 28.Kb2 Se4

1r4k1/3b2pp/4pr2/3p4/1p1NnP1P/1P2R1P1/NKP5/3R4 w - - 0 29
1r4k1/3b2pp/4pr2/3p4/1p1NnP1P/1P2R1P1/NKP5/3R4 w – – 0 29

29. Sf3!! Le8 30. Sg5 Lh5 31. Sxe4 Lxd1 32. Sxf6+ gxf6 33. Txe6 Kf7 34. Te3 Lh5 35. Td3 Ke6 36. Td4 Tg8 37. Sxb4 Lf3 38. Td3 Le4 39. Te3 Kf5 40. Sc6 1-0

Lar­sens jahr­zehn­te­lange inter­na­tio­nale Schach­kar­riere war von zahl­rei­chen Erfol­gen als Spie­ler wie also Schach­au­tor gekrönt, und seine über 20 Siege an teils hoch­ka­rä­tig besetz­ten Tur­nie­ren brach­ten ihm damals den Titel eines „Tur­nier-Welt­meis­ters“ ein. Aller­dings war Lar­sen auch der erste – aber bei wei­tem nicht letzte – Meis­ter­spie­ler, der offi­zi­ell von einem Schach­com­pu­ter besiegt wurde: 1988 ver­lor der Däne an einem Open im kali­for­ni­schen Long Beach sen­sa­tio­nell eine Par­tie gegen den Rech­ner „Deep Thought“ (den Vor­gän­ger von „Deep Blue“, der knapp zehn Jahre spä­ter auch Welt­meis­ter Garry Kas­pa­rov schlug).

Ehrgeizig und kämpferisch, aber auch sensibel und zuvorkommend

Bent Larsen als Kommentator am Politiken Cup 1996 - Glarean Magazin
Bent Lar­sen als Kom­men­ta­tor am Poli­ti­ken Cup 1996

Bent Lar­sen war in der inter­na­tio­na­len Schach-Arena als sehr sym­pa­thi­scher, zwar ehr­gei­zi­ger und kämp­fe­ri­scher, aber auch sen­si­bler und zuvor­kom­men­der Gross­meis­ter hoch ange­se­hen. Der Lar­sen-Freund und -Fan J. Armas schreibt in sei­nem Rück­blick in Lar­sens Buch „Alle Figu­ren grei­fen an“ über eine Simul­tan-Begeg­nung: „Wir waren alle vol­ler Stolz, die­sen Meis­ter in unse­rer Nähe zu wis­sen. Nie­mals drückte er sei­nen jewei­li­gen Geg­ner ein­fach an die Wand. Gegen jeden ein­zel­nen spielte er so, als hätte er einen Gross­meis­ter vor sich. Und mit wel­chen Erin­ne­run­gen und ergötz­li­chen Geschich­ten unter­hielt er uns zwi­schen den Par­tien, wäh­rend der gan­zen vier Stunden!“
Mit Bent Lar­sen ver­liert die Schach-Welt einen ihrer inter­es­san­tes­ten und schil­lernds­ten Ver­tre­ter der „Gol­den Chess Sixties“. ♦

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zu schach­his­to­ri­schen The­men auch über Michael Dom­brow­sky: Berliner Schach-Legen­den
… sowie zum Thema Bobby Fischer über Andrew Sol­tis: Bobby Fischer Rediscovered

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