Torsten Wohlleben: «Ausgerockt»

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Unsanfte Landung in der Wirklichkeit

Christian Busch

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Es gibt Menschen, die nach einem zerplatzten Traum keine  Kraft für einen zweiten haben. Denen das Mittelmaß nicht zum Selbstbewusstsein reicht. Für die es keine Wege zu geben scheint, noch nicht einmal falsche. Die nicht einmal im Internet wissen, was sie suchen könnten. Die, wenn ihnen das Schicksal ein Sprungbrett hinhält, auf dem Schlauch stehen.
Die es nicht schaffen, das Mädchen, das sie gerade kennen gelernt haben, nach ihrer Telefonnummer oder ihrem Namen zu fragen. Deren Anblick weder zum Lachen noch zum Weinen reicht und denen das Nichts ein vertrauter, ständiger Begleiter in Form von ein paar Flaschen Bier und einer Pizza ist. Es gibt sie.

Von einem solchen handelt Torsten Wohllebens dritter, in Bremen spielender, bemerkenswerter Roman «Ausgerockt». Natürlich hat die Literatur-Szene, auch die aktuelle, schon schillerndere Gestalten gesehen als Linus Keller. Linus ist 32, Single, Vertreter der Thirtysomething-Generation, verkannter Rockmusiker (moderne Variante der Bremer Stadtmusikanten?) und Gelegenheits-Flaschensortierer. Was macht ein Autor mit so einem zwar sympathischen, liebenswürdigen, aber doch eben etwas weltfremden Schluffi, wenn er ihn zum Protagonisten seines immerhin 250 Seiten füllenden Roman bestimmt hat?  Und: Wie schafft er es, ihm eine positive Entwicklung anzudichten?
Da ist zunächst Kumpel Holger, immer da, wenn Linus ihn nicht braucht – ein würdiger Vertreter der SMS-Generation, ehemaliges Bandmitglied und nervig-spleeniges Faktotum, das Linus mit seinen skurrilen Protest-Aktionen gegen die von MTV und DSMS vereinnahmte Medienwelt aus seiner Lethargie – und dann beinahe in den Abgrund – mitreißt. Und der es am Ende fast noch schafft, Linus als medialen Giganten zu etablieren.

Torsten Wohllebens Roman ist eine grundehrliche, ernsthafte, sehr bodenständige und doch sympathisierende Auseinandersetzung mit der bereits erwähnten Thirtysomething-Generation. Dem Autor gelingt die schmale Gratwanderung zwischen unterhaltsamer und realistischer Prosa; vor allem die mal atemlos Nähe herstellende, mal augenzwinkernd menschliche Schwächen berührende Liebesgeschichte ist ihm gelungen.

Aber vor allem ist da eine wunderschöne Liebesgeschichte: Jana heißt sie. «Beim Internet muss man schon was anklicken. Das geht nicht von allein weiter», sagt sie ihm bei ihrer ersten zufälligen Begegnung im Internet-Café. Und es ist tatsächlich ein kunstvoll geglückter Balance-Akt nötig, um Wohllebens passiven Helden und die schöne Jana zusammenzubringen; ein paar Zufälle und ein starker Kaffee allein reichen da nicht, bis er sie – endlich – küsst. Friedlich findet sie ihn, als sie ihn beim Schlafen beobachtet. So kehrt etwas Neues, bisher Unbekanntes in Linus’ Leben ein: das Glück. Das Glück, das ihm eine Träne entlockt. Die Träne, die er beim Tod seiner Stieftochter Hanna, nicht vergießen konnte – im Gegensatz zu seinem in die USA ausgewanderten Halbbruder Mark. Jana schafft es sogar, dass Linus schließlich – mit der Hilfe einiger Freunde – sein eigenes Café eröffnet. Doch auch die Liebe macht aus Linus kein Alpha-Männchen. Linus wäre nicht Linus, wäre der Rückfall nicht schon vorprogrammiert. Es kommt, was kommen musste: Linus stürzt erneut ab – unsanfte Landung in der Wirklichkeit. Doch Übung macht den Meister, das hofft auch Linus. Fortsetzung folgt?

Torsten Wohllebens Roman ist eine grundehrliche, ernsthafte, sehr bodenständige und doch sympathisierende Auseinandersetzung mit der bereits erwähnten Thirtysomething-Generation. Dem Autor gelingt die schmale Gratwanderung zwischen unterhaltsamer und realistischer Prosa; vor allem die mal atemlos Nähe herstellende, mal augenzwinkernd menschliche Schwächen berührende Liebesgeschichte ist ihm gelungen. ■

Torsten Wohlleben, Ausgerockt, Roman, 280 Seiten, Carl Schünemann Verlag Bremen, ISBN 978-3-7961-1970-5

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Das neue «Glarean»-Literatur-Kreuzworträtsel

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Denksport-Herausforderung für Literaturkenner

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Rätsel zum Ausdrucken (PDF-Format)

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Internationaler Wettbewerb für junge Komponisten

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Gesucht: Zeitgenössische Musik

Die Grazer Musik-Akademie Impuls für zeitgenössische Kompositionen schreibt einen internationalen Wettbewerb für junge Komponistinnen und Komponisten aus. Zur Teilnahme berechtigt sind EinsenderInnen, die nicht vor 1973 geboren sind, eingereicht werden können Partituren für 10-17 Musiker mit einer Werkdauer von 15-20 Minuten. Eine Jury, bestehend aus Komponisten, Musikern und Experten wird anschließend vier Komponisten aus den Einreichungen nominieren. Einsende-Schluss ist am 20. November 2010, die weiteren Einzelheiten sind hier zu finden. ■

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Ricardo Piglia: «Ins Weiße zielen»

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Annalen der Boshaftigkeit und Verleumdung

Günter Nawe

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Wer hat Tony Durán ermordet? Die klassische Frage, auf die normalerweise und mit großer Selbstgewissheit Kriminalromane eine Antwort geben. Eine solche Antwort hat auch Ricardo Piglia. Aber welche? Der 1941 geborene argentinische Autor – er zählt zu den bedeutendsten argentinischen Schriftstellern – hat einen Krimi vorgelegt, der eigentlich keiner ist. Oder anders: der das Genre des Kriminalromans sprengt.

Mord in der Pampa also. Kommissar Croce begibt sich auf die Suche nach dem Täter. Der windige Staatsanwalt Cueto dagegen glaubt ihn bereits zu haben. Zwei Schwestern hatten sehr engen Kontakt mit dem Mordopfer Durán, das ebenfalls eine zwielichtige Rolle spielte. Der kleine Japaner, ein Nachtportier, wird eingesperrt. Ein Jockey liebt sein Pferd mehr als sein Leben. Und der Kommissar nimmt sich eine «Auszeit» im Irrenhaus. Auch der Journalist Rienzi hat eine Theorie und recherchiert auf seine Weise.
Da gibt es aber auch noch die Familie Belladonna, Land- und Fabrikbesitzer mit etwas eigenartigem Geschäftsgebaren. Was hat der Chef mit dem Mordopfer zu tun? Geht es um Spekulation oder Liebe? Piglia hat alle Versatzstücke, die zu einem Krimi gehören, in dieses Buch hineingepackt – und sie so miteinander verknüpft, dass am Ende nichts ist, wo es scheint. Aber «alles ist so, wie wir es kennen, bevor wir es sehen». Und die wesentlichen Fragen werden woanders gestellt und beantwortet. Und so entstehen quasi «Annalen der Boshaftigkeiten und Verleumdungen in der argentinischen Pampa».

Ricardo Piglia (*1941)

Denn dieses Buch ist eine großartige Beschreibung der argentinischen Wirklichkeit in den siebziger Jahren: Bodenspekulation, verbrecherischer Aktienhandel, korrupte Justiz – und alles in der Erwartung der Rückkehr von Perón. Eine Gesellschaft, in der der Einzelne sich nur schwer zurecht finden kann. Man lebt in einer Kultur, die längst «nicht mehr weiß, was Wahrheit» ist. «Die Geschichte der argentinischen Politik bewege sich auf Bodenhöhe, während alle übrigen Ereignisse in der Höhe vorbeizögen, wie ein Schwalbenschwarm, der im Winter fortzieht», heißt es an einer Stelle.

Bodenspekulation, verbrecherischer Aktienhandel, korrupte Justiz, Folter, Terror, Diktatur: Argentinische Terror-Opfer in den Siebzigern (Prozess-Video vimeo)

Luca, Sproß der Fabrikantenfamilie Belladonna, die den Ruin ihres Unternehmens erleben muss, weiß die Wahrheit. Er bringt den «Mut auf, sich seinem Traum zu stellen», den Traum einer Künstlerexistenz. Hunderttausend Dollar sind geblieben, sollen als Hypothek für das Fabrikgelände dienen. Sie liegen bei der Staatsanwaltschaft und werden nur freigegeben, wenn der Japaner verurteílt wird. Von Luca hängt es ab. Seine Aussage wider besseres Wissen macht ihn schuldig. Er bekommt das Geld, muss aber mit der Schuld einer Falschaussage und den Konsequenzen leben – und kann es letztlich nicht.
Dies alles zusammen ergibt ein Bild der argentinischen Gesellschaft und eröffnet zudem tiefe Einblicke in die Seelnlage der Figuren: vom vegetarischen Gaucho über den Matetrinker mit den literarischen Interessen zum korrupten Staatsanwalt; von den Opfern der Gesellschaft bis zu ihren Tätern. Von Croce, der ehrlichen Haut, bis zur Renzi, dem Journalisten auf der Suche nach der Exklusivstory. Piglia bietet faszinierende Psychogramme.

Ricardo Piglia erzählt von einem Mord in der Pampa, hinter dem sich ein Stück argentinischer Geschichte und ein Psychogramm der argentinischen Gesllschaft verbirgt. Ein hervorragend konstruierter Roman, sprachlich brillant und von außerordentlicher Tiefe – ein Meisterwerk.

So komplex wie die Geschichte und so facettenreich und unterschiedlich wie die handelnden Figuren ist auch das Buch. Alles zielt ins Weiße, um den Romantitel aufzunehmen, ins Zetrum der Dinge. Ricardo Piglia erzählt davon auf mehreren Ebenen, bemüht gekonnt die Philosophie und die Psychologie, verknüpft die verschiedenen Theorien miteinander, um dann den Knoten wieder zu lösen. Er hat einen hervorragend konstruierten Roman geschrieben, sprachlich brillant und von außerordentlicher Tiefe. Es wechseln «die Wörter ständig ihren Ort und erlaubten ganz unterschiedliche, zur selben Zeit simultane wie aufeinanderfolgende Lesarten der Sätze».

Die Mutter der Belladonna-Schwestern hat alles gelesen, was ihr an Weltliteratur in die Hände kam. «Nur argentinische Schriftsteller liest sie nie, sie sagt, die Geschichten würde sie schon alle kennen». Und weil das für uns nicht gilt, sollten wir das Meisterwerk von Ricardo Piglia lesen. ■

Ricardo Piglia, Ins Weiße zielen, Roman, 252 Seiten, Wagenbach Verlag Berlin, ISBN 9783803132321

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Österreichischer Vokal-Kompositionswettbewerb

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Anregung des experimentellen vokalen Denkens

Einen Kompositionswettbewerb zur Schaffung neuer Stücke für solistisches Vokalensemble schreiben die österreichische Sektion der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik in Zusammenarbeit mit dem Wiener Jeunesse-Kammerchor aus. Teilnahmeberechtigt sind Komponistinnen und Komponisten jeglicher/n Nationalität und Alters. «Ziel der Ausschreibung ist es, die Aufmerksamkeit der Komponierenden auf die Stimme zu lenken, die Gattung der Vokalensemble-Komposition zu bereichern, experimentelles vokales Denken anzuregen, sowie ein Anstoß zu sein, die Erweiterung des Repertoires auf dem Gebiet der Vokalmusik nachhaltig zu fördern.» Einsende-Schluss ist am 15. November 2010, die weiteren Details sind hier ersichtlich. ■

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Das Zitat der Woche

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Über die Wissenschaft in der Gesellschaft

Leo Kreutzer

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Im Herbst 1977 – einem »deutschen Herbst«, wie man alsbald zu sagen begann —, im besonders vernebelten November jenes Jahres also fand im Bonner Konrad-Adenauer-Haus eine Tagung statt, die den »geistigen und gesellschaftlichen Ursachen« des Terrorismus nachgehen sollte. Als erster der Wissenschaftler, die man hatte kommen lassen, referierte der Zürcher Sozialpsychologe und Soziologe Gerhard Schmidtchen. In einer alert systemtheoretischen Skizze unserer Gesellschaft interpretierte er den Terrorismus als ein kraß dysfunktionales Phänomen, als »destruktives Verständigungsmuster« in einer »Grammatik des sozialen Handelns«.
Fixiert auf die Vorstellung andauernder Perfektibilität und maximaler Effektivität eines alle Bereiche sozialer Interaktion regulierenden handlungsgrammatischen Systems, prüfte er durch, welche gesellschaftlichen »Subsysteme« dieser Vorstellung gegenwärtig bereits nahekommen, welche andern bedauerlicherweise immer noch zu den »Defizitbereichen« gehören. Und da vermochte Schmidtchen lediglich einem dieser Subsysteme die Bestnote zu erteilen, dem »Wissenschaftssystem«. »Das Wissenschaftssystem kontrolliert über Schule, über die Betriebsorganisation und den hohen augenfälligen Gebrauchswert einer technischen Industrieproduktion, die Denkstile, das Weltbild und großenteils die Motive der Massen. Die Sozialisation wissenschaftlichen Denkstils ist so wirkungsvoll, daß Wahrheiten, die sich nicht in diesen übersetzen lassen, nicht mehr als Wahrheiten akzeptiert werden können… Das Sozialisationssystem für die Durchsetzung eines wissenschaftlichen Denkstils hat eine imponierende Perfektion.«

Leo Kreutzer

Es besteht Anlaß zu der Befürchtung, daß Herr Schmidtchen recht hat. Daß also der wissenschaftliche Denkstil gegenwärtig in einer Weise alle Bereiche unseres gesellschaftlichen Lebens kontrolliert, wie das so umfassend und wirksam keiner anderen Instanz oder Institution auch nur annähernd gelingt, vergleichbar allenfalls der Kontrollfunktion, welche im Mittelalter die Religion innehatte: Was sich da nicht in den religiösen Denkstil übersetzen ließ, konnte nicht als Wahrheit akzeptiert werden.
Dieser Vergleich kommt nicht von ungefähr. Er vermag den Funktionswandel zu verdeutlichen, den die Wissenschaft durchgemacht hat, um zu ihrer heutigen Geltung zu gelangen. Angetreten, am Beginn der Neuzeit und ihn markierend, die Kontrolle durch den religiösen Denkstil zu durchbrechen, also das Denken aus dieser es blockierenden Aufsicht zu befreien, ist die Wissenschaft ihrerseits zu einer alles beherrschenden Kontrollinstanz geworden und wirkt heute, wie Herbert Marcuse in »Triebstruktur und Gesellschaft« ausgeführt hat, »zerstörerisch gegenüber jener Freiheit, die sie einst versprach«.

Aus Leo Kreutzer, Mein Gott Goethe, Reinbek/Rowohlt 1980

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Kurzprosa von Paula Küng

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Vier verlorene Tage – oder Paris pour toujours

Paula Küng

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Eigentlich war’s aus und fertig. Sie wusste es. Dennoch hatte sie sich entschlossen, nach Paris zu fahren. Jetzt war sie da. Aber er hatte keine Zeit für sie. Das alte Lied! Aber es war doch der drittletzte Tag des Jahres, und sie wollte unbedingt Sylvester in Paris verbringen! Von der Schule wusste sie: Champagner auf der Strasse, Umarmungen und Küsschen von Wildfremden. Alles viel lustiger als zu Hause in der braven Schweiz. Waren sie nicht letztes Jahr auf einem Acker zwischen Biel und Benken mit dem Auto stecken geblieben? Bitte, keine Wiederholung von Sylvester mit ihrem kleinen Bruder und seinen Studienkollegen!
In Paris konnte sie in der Wohnung von Freunden übernachten. Sie befand sich im Quartier Latin, an der Rue Monge mit der sinnigen Hausnummer 101; es war eine Parterrewohnung, kalt, dunkel, muffig. Der Kühlschrank lief nicht, aber das spielte jetzt im Winter keine Rolle. Sie brauchte nichts zu bezahlen, das war das Entscheidende. Vier Tage in Paris! Sie war mit dem Nachtzug in der Gare de l’Est angekommen, und sie würde auch wieder mit dem Nachtzug nach Basel über die Grenze zurückkehren, im neuen Jahr.
Endlich erreicht sie Finn am Telefon in der Botschaft, wo er als Laufbursche arbeitet, um sich sein Studium zu finanzieren. Sie treffen sich an der Métrostation Place Saint-Placide, in der Nähe seines Zimmers. Später trinken sie einen Espresso in der Bar eines Auvergnat. Die Wirtin ist nett. Anderntags geht sie in das gleiche russige Lokal, trinkt einen Espresso und denkt an ihren Freund. In der Küche nebenan hört sie die geile Lache der Wirtin, während sie sich mit dem Wirt und mit Gästen unterhält. Sicher machen sie Witze über sie und ihren Freund, wie sie auf der Bank geschmust haben. Es war ein Fehler gewesen zurückzukommen.
An Sylvester wird sie sich mit Finn zum gemeinsamen Mittagessen treffen. Der Bullier ist offen: Es ist das Restaurant universitaire an der Rue de l’Observatoire. Ganz in der Nähe, am Boul’ Mich’, befindet sich das Foyer international pour jeunes filles. Dort, in der Eingangshalle, wartet sie auf ihren Freund. Der Portier hat sie hereingelassen, fragt nach ihren Wünschen. Sie möchte hier warten. Sie setzt sich auf eine Bank, später legt sie die Beine hoch, legt sich hin. Es ist kalt. Plötzlich steht der Wächter vor ihr und fragt, ob es ihr schlecht sei. Nein, nein, sie sei nur müde. Sie entschuldigt sich, setzt sich kerzengerade auf das Bänklein. Endlich kommt Finn. Er trägt seinen grünen Mantel, den Kragen hochgeschlagen. Im Restau U gibt es eine weihnachtliche Bûche zum Dessert. Sie freut sich, Finn zu sehen, und ist ganz zufrieden. Aber mit dem Sylvesterabend ist nichts. Der Botschafter hat eingeladen, wie sollte er sie vorstellen? Die Angehörigen der Botschaft sind dort, es wird über Afrika und über Politik gesprochen. Sie ist eine Weiße.
Am Abend ging sie wieder zur Eglise Saint-Placide. Sie verbrachte den Abend in einem modernen Lokal mit verspiegelten Wänden und großen, breiten Bänken, die mit grünem Plastik über dicken Kunststoffpolstern bezogen waren. Der Plastik zeigte bereits Risse. Das Lokal war eines jener, die so sehr das typische Pariser Café verkörpern. Dazu die grünen Tassen in verschiedenen Grössen, mit oder ohne Zierrand. Um Mitternacht war es, wie sie es von der Schule her wusste: Champagner auf der Strasse, Umarmungen und Küsschen von Wildfremden. Prosit Neujahr. Ihren Freund würde sie am nächsten Abend an der Gare de l’Est wiedersehen. Ihr Zug fuhr um 22.22 Uhr. Es blieb noch Zeit, zusammen einen Grand crème zu trinken, sich zu umarmen, sich zu verabschieden, sich Treue zu schwören und einander das letzte Geld zuzustecken. Das neue Jahr würde zeigen, was es brachte. Ach, es lag noch so viel Zeit vor ihnen! Ach, es war noch nicht aus und fertig. Ihre erste Liebe ließ sich doch nicht an Sylvester begraben, vier Tage in Paris ließen die alte Leidenschaft aufleben, es waren vier gewonnene Tage.
Eine Liebe ließ sich sehr wohl an Sylvester begraben, wusste sie genau zehn Jahre später. Aber das ist eine andere Geschichte. ■

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Paula Küng

Geb. 1944 in Budapest/H, Studium der Romanistik, Germanistik und Geschichte in Basel und Paris, Dr. phil., Prosa-Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, wissenschaftliche Buch-Publikationen, lebt in Reinach/CH

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Lyrik von Klaus Martens

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Was Herbst heißt

Herbst heißt Enden vor dem Schluss,
Wandlung der Farben zum Ende hin,
zum Saftrückfluss, zum Fall, zum Abfall,
zunächst dekorativ auf Stein geweht
oder ausharrendem Gras,
das nicht mehr wächst, doch irgendwie grün ist,
totgrün,  nicht lebendgrün,
totrotes Laub, schwarz umrandet,
schlechte Nachrichten an die Hockenden
im Boden, in Hecken und Verstecken,
die nicht entfliehen können –
die Ausharrer übers Enden hinaus,
Gewinner, Verlierer in der Wetterlotterie,
oder wie abgeschlagene Tannen im
Januar, gefühlsbekränzte Tote
vom Leben allzubald verbrannt.

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Der Himmel ist blau

Es weht kalt vom Garten herein.
Sonne und Himmelsblau täuschen.
Das Kreuzbein sitzt fest –
Herbstschmerz. Masseure
haben Hochbetrieb.
Im Takt von zwanzig Minuten
wird das Bein gestreckt, gehoben,
werden Wirbel geknetet,
dann der nächste arme Kerl.

Dabei ist es nur Herbst. Es wird
kälter, die Natur (der Körper)
zieht sich zusammen, die Sehnen,
die Gelenke schleifen,
und es schmerzt im Herbst,
ein weiterer Abschied von Wärme
und Jugend und Gelenkigkeit,
doch der Himmel bleibt sonnig
und blau. Kälte weht herein

aus dem schon verlorenen Garten.

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Klaus Martens

Geb. 1944 in Kirchdorf/D, Studium der Anglistik und Germanistik in Göttingen, Promotion 1979, zwischen 1979 und 1989 Lehraufträge an den Universitäten Göttingen, Münster und Kassel, zahlreiche literaturwissenschatliche und übersetzerische Publikationen in Büchern und Zeitschriften, Mitglied des PEN Deutschland, diverse Lyrik-Veröffentlichungen, lebt als emer. Universitätsprofessor in Saarbrücken/D

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Das klassische Glarean-Tangram (14)

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Legen Sie mit den Tangram-Elementen die folgende Figur

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Lösung: —>(weiterlesen…)

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Das Tangram-Puzzle

Das Tangram (auch Siebenschlau oder Weisheitsbrett genannt) ist ein altehrwürdiges chinesisches Geometrie-Spiel: Aus nur sieben Steinen eines Quadrates, nämlich fünf Dreiecken, einem Quadrat und einem Parallelogramm lassen sich die vielfältigsten Figuren (Pflanzen, Tiere, Menschen u.v.a.) legen, wobei immer alle sieben Steine verwendet werden müssen. Sie sollen sich berühren, dürfen sich aber nicht überlappen.

Schon in der uralten Kultur Chinas bedeutete das Quadrat die reinste Form einer Fläche, in sich vollkommen, und beim Tangram wird dieses in sich ruhende Quadrat nun aufgelöst in eine endlose Bewegung, wird es durch unablässige Veränderung zum Ausgangspunkt ungeahnter Gebilde, durch das Zusammenspiel seiner festen Elemente zum Quell des Neuen.
Die ersten Tangram-Bücher wurden zur Zeit des Ch’ing-Kaisers Chia Ch’ing (1796-1820) gedruckt, die früheste uns überlieferte Tangram-Publikation dort stammt aus dem Jahre 1813, doch das Grundprinzip des Spiels dürfte im asiatischen Raum schon lange vor  Christi Geburt weit verbreitet gewesen sein. Eine frühe erste Veröffentlichung in Europa datiert aus dem Jahre 1805.

Inzwischen hat das Tangram einen wahren Siegeszug durch alle Kontinente angetreten, ist Gegenstand zahlreicher Bücher und Sammlungen geworden – und lädt unvermindert anregend und spannend ein zum Nachdenken, zum Knobeln, zum Sinnieren,  ja vielleicht gar zum Philosophieren über die ewige Veränderung des ewig Immergleichen…

Im «Glarean Magazin» finden sich regelmäßig interessante und berühmte Tangram-Aufgaben.  Dabei wird das Lege-Puzzle erleichtert, wenn man sich aus Karton die sieben Grundelemente zurechtschneidet.
Sollten unter unseren Leserinnen und Lesern vielleicht sogar Tangram-«Erfinder» sein, so sind sie freundlich eingeladen, uns ihre neuen Figuren als Grafik-Datei zu senden!  (we)

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Ein Beispiel

Legen Sie mit den Tangram-Elementen die folgende Figur

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Prosa-Wettbewerb zum Thema «Tor»

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Der Putlitzer Kurzprosa-Preis 2011

Putlitzer Literaturwettbewerb 2010Auch in diesem Jahr wird vom Literatur-Portal «42er Autoren» der internationale «Putlitzer Preis» ausgeschrieben. Das Thema des Wettbewerbs 2011 lautet «Tor». Teilnahmeberechtigt sind alle Autoren, Profis wie ambitionierte Nachwuchsschriftsteller, die in deutscher Sprache schreiben. Einzureichen sind Kurzprosa-Manuskripte mit maximal 1’000 Wörtern. Einsende-Schluss ist am 15. Oktober 2010, die weiteren Details finden sich hier.

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Alan Pauls: «Geschichte der Tränen»

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«Zuhören, weinen, in seltenen Fällen auch reden»

Günter Nawe

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Argentinien ist in diesem Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse. Argentinien feiert zugleich 200 Jahre Unabhängigkeit. Geschichte und Literatur also in einem. Und eine Reihe prominenter argentinischer Schriftsteller weiß sich mit ihren Werke beidem verpflichtet: der Literatur und der Geschichte.

Einer der wichtigsten Autoren Argentiniens ist sicher Alan Pauls. Der 1959 geborene Journalist, Schriftsteller und Dozent für Literaturgeschichte hat in Deutschland mit seinem Roman «Die Vergangenheit» großes Interesse und viel Lob bei Kritikern und Lesern gefunden. Große Aufmerksamkeit und Begeisterung gilt jetzt auch dem neuen Roman «Geschichte der Tränen».

Pauls erzählte eine der wichtigsten Episoden in der Geschichte seines Heimatlandes. Es geht im Wesentlichen um das Regime Videla und die Gegenrevolution der Gewerkschaften in den 70er Jahren. Und es geht um die «Empfindsamkeit», die diese Aktivitäten deutlich werden lassen. Zum Beispiel bei einem hypersensiblen jungen Mann, der Hauptfigur, die als Kind Superman liebt. Allerdings nicht wegen seiner Stärken, sondern wegen seiner Schwächen. Diese Sensibilität hat ihren Preis. So hat der Protagonist, der sonst viel geweint hat, nach der Fernsehübertragung des Putsches gegen Allende in Chile, keine Tränen mehr. Dafür lernt er im Lauf der Zeit zu verstehen, was es auch mit der Diktatur in seinem Lande auf sich hat.

Alan Pauls (*1959)

Das alles geschieht in diesem Roman in Form einer Art Entwicklungsgeschichte, in der der jungen Mann, namenlos und damit stellvertretend, vom «Superman» zum Sozialisten wird. «Schwülstige Menschlichkeit» stösst ihn ab, er verachtet seinen Vater, verlässt seine Freundin und findet seine Berufung. Aus Schwäche wird Stärke.
So erlebt der Held aus der Ortega-y-Gasset (der Name dieser Straße ist ein Stück Programm) im Zentrum von Buenos Aires, wo er mit der geschiedenen Mutter und seinen Großeltern wohnt, seine Geschichte: Er ist ein Einzelgänger, ein Individualist, der die Geschichten von Superman sich zu eigen macht, der ganz in seiner «Empfindsamkeit» aufgeht, der sich in der Kunst des Weinens – vorerst noch – übt. «Zuhören, weinen, in seltenen Fällen auch reden» – so sein Motto. Sein Medium ist das Ohr. Und weil dem so ist, wird er zum Ansprechpartner für alle und jeden; für seine Eltern, für Menschen mit Liebesäffaren und verunglückten Lebensträumen. Denn mitten im Lärm und den Wirrnissen der Politik und ihrer fatalen Erscheinungen, die ihm keinesfalls entgehen, kommt auch immer wieder das Private, das Persönliche zum Ausdruck.

«Folter, Schmerz, Leid allenthalben»: Argentiniens Junta-General Videla

Dem komplexen Geschehen, den sehr differenzierten Wahrnehmungen entspricht die Sprache Alan Pauls, eine Sprache, die an Marcel Proust geschult ist. Es sind monologisch erzählte Episoden, es sind verschiedene «Stimmen», mal laut mal leise, die erzählen. So auch von den Folterungen in den Gefängnissen mit Langzeitfolgen. Der «Zuhörer» bemerkt eine Narbe: «…und plötzlich bleibt sein Blick an der schimmernden Stelle hängen, einer Lichtung, wo sich die Haut zur glatten Oberfläche ohne Poren, ohne Haare, ohne Unregelmäßigkeiten spannt…». Folter, Schmerz, Leid allenhalben.

Gibt es in diesem Leben außer Schmerz auch Glück? Der Held findet es. Und als er zeigt, wer sein Glück ist und wie es aussieht, erhält er prompt eine Warnung, dass dieses Glück nur deshalb so ist, wie es ist, «…weil du nie an ein Bettgestell gefesselt warst, während zwei Typen dir die Eier verkohlen». Dies und das ist bitterböse, ist erschreckend und – wenn man so will – auch eine Anklage mit den Mitteln der Literatur.

Dieser Roman ist vieles zugleich, vor allem aber ein beeindruckendes Psychogramm eines Individualisten - und erschreckendes Zeitzeugnis.

Schmerz und Leid, Öffentliches und Privates sind in diesem Roman thematisiert. Biografie und Zeitgeschichte sind miteinander verwoben. Und das auf eine wunderbar kunstvolle, literarisch bedeutende Art und Weise. Ein großer, ein bedeutender Roman. ■

Alan Pauls, Geschichte der Tränen, Roman, 140 Seiten, Klett-Cotta Verlag, ISBN 978-3-608-93710-7

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Leseproben

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Felix-Sonnenfeld-Problemschach-Wettbewerb 2010

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2-Züger-Hilfsmatt-Schach-Turnier

Felix Sonnenfeld (1910-1993)

Anlässlich des 100. Geburtsjahres des bekannten brasilianischen Problem-Schach-Komponisten und Hilfsmatt-Experten Felix Alexander Sonnenfeld (1910-1993) wird ein internationales Thema-Turnier ausgeschrieben. Eingesandt werden können Zweizügige Hilfsmatt-Probleme, als Preisrichter amtiert Uri Avner. Einsende-Schluss ist am 31. Dezember 2010, die weiteren Einzelheiten sind hier zu finden (engl.) ■

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Kompositionspreis des «Concours de Genève» 2011

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Moderne Kammermusik für Streichquartett

Für alle Komponistinnen und Komponisten, die frühestens am 1. Februar 1971 geboren sind, schreibt der «Concours de Genève» einen internationalen Kompositions-Wettbewerb aus. Der Preis wird im Rahmen des 66. «Geneva Music Competition» ausgelobt und verlangt originale Kammermusik-Werke für die klassische Streichquartett-Besetzung. Einsende-Schluss ist am 15. Januar 2011, die weiteren Details finden sich hier (engl.) ■

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Internationaler Kurzgeschichten-Wettbewerb

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Prosa-Texte zum Thema «Diebe»

Im Rahmen seiner Reihe Literareon schreibt der Herbert Utz Verlag neuerlich einen Kurzgeschichten-Wettbewerb aus. Das Thema lautet diesmal «Diebe», die Teilnahme steht allen Autorinnen und Autoren offen. Pro Autorin/Autor soll nur ein Beitrag eingereicht werden; der Text sollte 1’500 Wörter (ca. drei Seiten) nicht überschreiten. Der Beitrag muss ein selbstverfasstes, bisher unveröffentlichtes Werk in deutscher Sprache sein. Einsende-Schluss ist am 30.November 2010, die weiteren Details finden sich hier. ■

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