Dantes «Inferno» in neuer Übersetzung

«Stadt des Jammers, endlose Qual»

Günter Nawe

Von der großartigen Übersetzerin Swetlana Geier stammt der Satz: «Übersetzungen sind sterblich. Jede Zeit verdient ihre eigenen Übersetzungen.» Ein Statement, das sicher auch Hartmut Köhler unterschreiben kann. Der Romanist und Dante-Forscher hat sich eine neue Übersetzung von Dantes «La Divina Commedia» vorgenommen und jetzt den ersten Teil «Inferno / Die Hölle» vorgelegt. Er hat dieses grandiose Weltgedicht in eine wunderbare, flüssige Prosa übersetzt: klug, phantasievoll, verständlich und äußerst unterhaltend. Und wenn er bei einer Lesung einmal behauptet hat, dass die meisten Dante-Leser der bisherigen Übertragungen kaum über den vierzehnten Gesang hinausgekommen sind, so wird sich das jetzt ändern.

Am bekanntesten ist wohl der Vers aus dem dritten Gesang «Lasciate ogni speranza, voi ch‘ entrate», der am Eingangstor zur Hölle steht. Köhler übersetzt die ganze Inschrift am Eingang zum Inferno wie folgt:

«DURCH MICH GEHT’S EIN ZUR STADT DES JAMMERS. DURCH MICH GEHT’S EIN ZUR ENDLOSEN QUAL, DURCH MICH GEHT’S EIN ZU DEN VELORENEN MENSCHEN. GERECHTIGKEIT BEWEGTE MEINEN HOHEN SCHÖPFER; MICH SCHUF DIE GÖTTLICHE MACHT, DIE HÖCHSTE WEISHEIT UND DIE ERSTE LIEBE: VOR MIR WURDE NUR EWIGES GESCHAFFEN, UND AUCH ICH WERDE OHNE ENDE SEIN. LASST ALLE HOFFNUNG FAHREN, WENN IHR HIER HEREINKOMMT.»

«Lasciate ogni speranza…»: Beginn von Dantes «Hölle» in einem Manuskript von Francesco Nardo die Barberino (Biblioteca Trivulziana, Mailand 1337)

«Lasciate ogni speranza…» Eine schauerliche Verheißung. Aber damit erschließt sich vielfach schon das, was folgen wird: ein großartiger, dem Alten Testament, der Ilias, der Äneas vergleichbarer Weltgesang mit seinen kosmologischen, theologischen, politischen, historischen und vor allem sehr menschlichen Aspekten.

Hartmut Köhler

Bisher wurde die «Divina Commedia» sozusagen «auf Knien» übersetzt und übertragen. Viele versuchten, nach Danteschem Vorbild in Terzinen zu übersetzen, versuchten teilweise mit Gewalt den Reim zu finden. Ehrenwerte Versuche etwa von Schlegel und Gildemeister, von Stefan George oder Rudolf Borchardt, wie auch Köhler anerkennt. Aber dadurch wurde – wie bei allen Prosaübertragungen – der Text vielfach unverständlich, wirkte er angestrengt und nur noch für Experten les- und wirklich verstehbar.
Lesen wir dagegen Köhler, so ist diese phantasievolle Geschichte eine spannende Reise ins Jenseits, wie es den Vorstellungen der Zeit entsprach. Unserer Zeit und unserem Veständnis wiederum enstpricht, was Hartmut Köhler anbietet. Hier werden die Grausamkeiten, die die Hölle zu bieten hat, beim Namen genannt, hier wird gewimmert und gejammert, geflucht und gebetet, da ist das «Untier mit dem bohrenden Schwanz» eben ein Untier, mit dem «Gesicht… eines ehrlichen Menschen». Im siebten Gesang wieder lesen wir: «Wie windgeschwellte Segel zusammenklatschen, wenn der Mastbaum kracht, so stürzte die grimmige Bestie zu Boden.» Und so weiter. Das kann man verstehen und gedanklich nachvollziehen. Und der Beispiele gibt es viele.

Bartolomeo di Fruosinos «Inferno»-Darstellung zeigt die Hölle mit neun Strafkreisen (1420)

Durch die Köhlersche Übetragung wird aber auch etwas anderes deutlich, nämlich wie sehr sich Sünden und Sünder gleich geblieben sind über die Zeiten hinweg. Wir können die Gefräßigen, die «fleischlichen Sünder», die Maßlosen und Verschwender, die Habgierigen «identifizieren». Die «Commedia» war und ist so modern wie jetzt ihre Übersetzung.

Was besonders hervorzuheben ist: der brillante Kommentar. Auch hier wurde Großes von Hartmut Köhler geleistet. Nichts bleibt unerklärt oder unkommentiert. Es werden nicht nur Wörter und Bilder erklärt, es werden Zusammenhänge dargestellt. Wir erfahren, dass Settembrini in Thomas Manns «Zauberberg» auf Dante rekurriert, dass es Bezüge im «Faust gibt». Es werden sprachliche Probleme erörtert und Deutungen und Bedeutungen angeführt. Das alles dient dazu, das Verständnis des Werks zu fördern und seine Wirkung bis in die heutige Zeit hinein aufzuzeigen. Und vor allem: Die Anmerkungen und Kommentare stehen unten auf der Seite. Das erspart störendes Umblättern oder gar den Griff zu einem weiteren Band – ein weiteres Plus. Kenner des Italienischen können sich am Originaltext orientieren – und sofort vergleichen und die Übersetzung prüfen.

Ein Jahr hat Hartmut Köhler für diese Übersetzung gebraucht. Jeweils ein weiteres Jahr müssen wir auf «Il Purgatorio» und «Il Paradiso» warten. Zeit genug, sich mit der «Hölle» zu beschäftigen. Es lohnt sich. ■

Dante Alighieri, La Commedia / I – Inferno / Hölle, In Prosa übersetzt und kommentiert von Hartmut Köhler, Reclam Verlag, 562 Seiten, ISBN 978-3-15-010750-8

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