Rainer Wieczorek: «Tuba-Novelle»

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Ein Tacet für Samuel Beckett

Günter Nawe

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Text und Musik bedingen sich in diesem Augenblick: «Tuba-Novelle» heißt das neue Buch, aus dem der Autor Rainer Wieczorek liest – der Text immer wieder unterbrochen, untermalt von «langen, tiefen, ausgehaltenen Tönen» einer Tuba. So bei der Buchpremiere aus Anlass der diesjährigen Leipziger Buchmesse.

Diese Novelle ist eine der besonders schönen Entdeckungen, die dieser Bücherfrühling zu bieten hat. Bereits mit der Künstlernovelle «Zweite Stimme», die Geschichte von einem Schriftsetzer und einem Projekt-Künstler, hat Rainer Wieczorek, bislang Leiter des Darmstädter Literaturhauses, auf sich aufmerksam gemacht. Der Kunst und den Künstlern, der Literatur und der Musik gilt auch seine zweite Arbeit, die «Tuba-Novelle».

«Nicht stören! – Er schreibt». So beginnt das Buch, dessen Protagonist die Absicht und den Auftrag hat, einen Essay über Samuel Becketts Schreib-Refugium in Ussy-sur-Marne schreiben. Neun Monate Klausur hat er sich dafür vorgenommen.

Samuel Beckett (1906-1989)

Doch das war es schon – Becketts Schreibhemmungen erlebt auch der Essayist. Verstärkt durch Störungen, durch Tuba-Klänge, die aus dem «Spanischen Haus» gegenüber erklingen. Jeden Morgen und immer wieder: Stakkato-Übungen, Tonleiter, Pralltriller. Das führt zu einer profunden Auseinandersetzung mit der Musik – sogar dazu, selbst mit Hilfe eines Tuba-Mundstücks das Spiel zu erlernen. Es führt aber auch zu einer sehr intensiven Erinnerungsarbeit, bei der «Störung» ebenfalls eine traumatische Rolle spielt. Es ist die verstörende Angst des Sohnes, den musizierenden Vater, einen Cellisten, zu stören. Und so ist ein «Trio für Tuba, Cello und Essayisten» entstanden.

Kein Wunder also: Er versuchte «Becketts Spur» zu folgen. «Das war vielleicht die Kunst des echten Essayisten: einen Tatbestand genauer erfassen zu können, als der Verstand es tat.» Immerhin sollte diese Studie «ein Beitrag» zur Beckett-Welt werden, «indem er erläuterte, wie Kunst entstand oder – wie sie eben nicht entstand…». Es geht also um nicht mehr und nicht weniger als um die Bedingungen künstlerischer Schaffensprozesse.
Bei ihm, dem Essayisten, entstand erstmal nichts. Er tröstet sich damit, dass auch das «Schriftliche Schweigen» nichts anderes zeigt, als dass er konsequent Becketts Spuren gefolgt sei, unter anderem auch dem Entstehen von «Warten auf Godot».

Rainer Wieczorek

Anders bei Rainer Wieczorek. Er folgt sowohl den Spuren Becketts als auch jenen des Essayisten – und das konsequent und erfolgreich. Auf diese Weise wird der Leser ebenso mit der Beckettschen Welt vertraut gemacht wie mit der Welt des Tuba-gestörten Essayisten – und vielleicht auch ein wenig mit der Welt des Autors beim Abfassen dieser Novelle.
Endlich hatte auch der Essayist die Überschrift für seinen Essay: «Ein Tacet für Samuel Beckett», ein Tacet in zwei Sätzen mit dem Schlusssatz: «Der verlassene Schreibtisch». «Ein Schweigen, das zwischen Buchdeckel passte.», rühmt sich der Essayist.

Rainer Wieczorek hat eine wunderbare, höchst raffinierte Geschichte über die Möglichkeiten der Kunst und ihr Entstehen geschrieben, die zudem sehr amüsant zu lesen ist. Und er hat sich mit den beiden vorliegenden Künstlernovellen als hervorragender Schriftsteller gezeigt, was für die dritte Novelle, die in 2011 erscheinen soll, viel verspricht. ■

Rainer Wieczorek, Tuba-Novelle, Dittrich Verlag Berlin, 120 Seiten, ISBN 978-3937717418

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