J. Klinger & G.Wolf (Hg.): «Gedächtnis und kultureller Wandel»

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Annäherung an den Zusammenhang
zwischen Erinnerung und Literatur

Jan Neidhardt

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Im Zuge stetig wachsender Erkenntnisse im Bereich der Neurophysiologie spielt der Erinnerungsdiskurs in den Kulturwissenschaften eine immer wichtigere Rolle. Im Herbst 2007 fand der Deutsche Germanistentag in Marburg unter dem Titel «Natur, Kultur. Universalität und Vielfalt in Sprache, Literatur und Bildung» statt. Darin ging es vor allem um die neuen Herausforderungen, die sich für die Germanistik aus den enormen Fortschritten im Bereich der Neurophysiologie, Kognitionspsychologie und in verwandten wissenschaftlichen Bereichen ergeben.
Dem Erinnerungs- bzw. dem Gedächtnisdiskurs kommt in diesem Zusammenhang wachsende Bedeutung zu. Die Herausgeber des vorliegenden Sammelbandes, Judith Klinger und Gerhard Wolf, haben hier 18 Aufsätze zusammengetragen, die eine Auswahl aus den insgesamt etwa 40 eingereichten Beiträgen darstellen. Die Texte basieren auf Vorträgen, die auf dem Germanistentag gehalten wurden.
Sie beleuchten das Thema sowohl aus der diachronen Perspektive – durch die «Analyse der Entstehung von kollektiven Gedächtnissen und narrativen Ordnungen am Beginn der frühen Neuzeit und um 1800», als auch aus der synchronen – im Rahmen verschiedener Vergleiche von modernen Werken.

Anhand verschiedener Autoren (überwiegend des 20. Jahrhunderts) wird in den Beiträgen eine Annäherung an den Zusammenhang zwischen Erinnerung und literarischem Schaffen versucht.
Erörtert werden sowohl die Perspektiven als auch die Kontroversen der Erinnerungsforschung. Welche Rolle spielen beispielsweise methodische Ansatzpunkte aus der Sozialpsychologie? Und inwiefern ließen diese Annahmen sich kritisch hinterfragen? Erinnert der Mensch sich in der Moderne genau so wie der Mensch vor 200 Jahren? Und was bedeutet das für die Literaturwissenschaft? Man vergleiche nur mal Goethes «Wahlverwandtschaften» mit einem zeitgenössischen Werk.

Die Themen Werksetzung und Niveaulosigkeit schon in der Romantik diskutiert: Friedrich Schlegel («Gespräch über die Poesie»)

Wie wird Erinnerung literarisch verarbeitet? Wie beschreibt beispielsweise Dieter Bohlen in seiner Autobiographie «Nichts als die Wahrheit» sein Leben? Und werden Bekenntnisse a la Bohlen eigentlich erst seit der Moderne, dem «Zeitalter der Bücher», als niveaulose Publikationen empfunden? Gab es so etwas früher überhaupt schon? Ein Blick in die deutsche Kulturgeschichte zeigt, dass dieses Phänomen nichts Neues ist, denn bereits in der Romantik ging Friedrich Schlegel in seinem «Gespräch über die Poesie» auf die Themen Werksetzung und Niveaulosigkeit ein. In seinem Aufsatz «Mich kennen die Leute – Erinnerungsarbeit bei Rainald Goetz und Dieter Bohlen», geht der Autor Ulrich Breuer im Zuge eines Vergleichs der Werke «Nichts als die Wahrheit» (Bohlen) und «Abfall für alle» (Goetz) auf den Unterschied zwischen Autobiographie und autobiographischem Schreiben ein.

Doch nicht nur die jüngste und/oder triviale Literatur ist Thema. Klaus Schenk nähert sich dem Thema «Erinnerndes Schreiben – Zur Autobiographik der siebziger Jahre und ihren didaktischen Konsequenzen» an, indem er das Konzept der Autofiktionalität an Texten von Elias Canetti, Thomas Bernhard und Christa Wolf erläutert.
Weitere Themen sind «Erinnertes und sich erinnerndes Ich» (Jürgen Joachimsthaler), «Mythos und Ruhm – Zur Funktion zweier Konzepte des kulturellen Gedächtnisses in Gedichten um 1800» (Dirk Werle) u.v.m. Mehrere Beiträge sind dem wichtigen Thema «Bewältigung des Nicht-Bewältigbaren» gewidmet. Darin geht es u.a. um die «Erinnerungsliteratur von Tanja Dückers, Günter Grass und Uwe Timm» – ein interessanter Beitrag von Michael Braun, der sich auch den «Enkeln» widmet, die den Krieg nicht selbst erlebt haben und «jetzt […] anfangen zu fragen». Auch Günter Grass, dessen Geständnis, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, für erbitterte Debatten gesorgt hat, wird hier im Zusammenhang mit dem «Verschweigen» thematisiert.
Jan Süselbeck schreibt über «Das Nachzittern des Grauens. Metonymien und Erinnerungen der Shoah in Texten Arno Schmidts und Thomas Bernhards» und bezieht verschiedene interdisziplinäre Ansätze (v.a. aus dem Bereich der Neurobiologie) in seine Analysen mit ein.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass den Herausgebern und Autoren mit diesem Sammelband ein ausgesprochen interessanter und bereichernder Beitrag zur aktuellen kulturwissenschaftlichen Diskussion um Gedächtnis und Erinnerung gelungen ist. Die Aufsätze machen Lust auf die tiefergehende Lektüre der besprochenen Werke. ■

Judith Klinger / Gerhard Wolf (Hg.), Gedächtnis und kultureller Wandel – Erinnerndes Schreiben: Perspektiven und Kontroversen, De Gruyter Verlag, 280 Seiten, ISBN 978-3110230970

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Inhalt

Vorwort
SEKTIONSSITZUNG A (PLENARVORTRAG):
GEDÄCHTNIS UND KULTURELLER WANDEL
Günter Oesterle: Kontroversen und Perspektiven
in der Erinnerungs- und Gedächtnisforschung
SEKTIONSSITZUNG B:
IDENTITÄT UND NARRATIVITÄT – SUBJEKTBILDUNG IM ERINNERN
Klaus Schenk: Erinnerndes Schreiben.
Zur Autobiographik der siebziger Jahre und ihren didaktischen
Konsequenzen
Jürgen Joachimsthaler: Die memoriale Differenz.
Erinnertes und sich erinnerndes Ich
IDENTITÄT UND NARRATIVITÄT – INDIVIDUELLE UND KOLLEKTIVE
GEDÄCHTNISPRODUKTION
Eva Kormann: Bruchstücke großer und kleiner Konfessionen.
Vom gelegentlichen Widerspruch zwischen individuellem, familiärem
und kulturellem Gedächtnis: Grass, Timm und Wilkomirski
Nils Plath: Zu Brechts kalifornischen Musterhäusern.
Betrachtungen zum Weiterlesen im Arbeitsjournal, 1942–1947
Ulrich Breuer: „Mich kennen die Leute“.
Erinnerungsarbeit bei Rainald Goetz und Dieter Bohlen
BEWÄLTIGUNG DES NICHT BEWÄLTIGBAREN
Michael Braun: Die Wahrheit der Geschichte(n).
Zur Erinnerungsliteratur von Tanja Dückers, Günter Grass,
Uwe Timm
Jan Süselbeck: Das Nachzittern des Grauens.
Metonymien und Erinnerung der Shoah in Texten Arno Schmidts
und Thomas Bernhards
VI Inhalt
Hannes Fricke: Wer darf sich wann, warum und woran erinnern – und wer darf
von seinen Erinnerungen erzählen?
Über Binjamin Wilkomirski, Günter Grass, die Macht der Moralisierung
und die Opfer-Täter-Dichotomie im Zusammenhang der Debatte um
neurobiologische Ansätze in den Geisteswissenschaften
SEKTIONSSITZUNG C: AUSLÖSCHUNG UND VERLEBENDIGUNG
Timo Günther: Den Toten eine Stimme geben?
Konzepte der Erinnerung bei Botho Strauß; mit einem Ausblick
auf Robert Harrison
Michael Ostheimer: „Monumentale Verhältnislosigkeit“.
Traumatische Aspekte im neuen deutschen Familienroman
ÄSTHETISIERUNG UND TRADITIONSBILDUNG –MEMORIA UND ERFAHRUNG
Ralf Schlechtweg-Jahn: Natur- und Kulturbilder
zwischen Epochenbruch und Umbesetzung
Benedikt Jeßing: Doppelte Buchführung und literarisches Erzählen
in der frühen Neuzeit
Dirk Werle: Mythos und Ruhm.
Zur Funktion zweier Konzepte des kulturellen Gedächtnisses in
Gedichten um 1800 (Hölderlin, Goethe, Schiller)
Axel Dunker: Das ‚Gedächtnis des Körpers‘ gebiert Ungeheuer.
Das Golem-Motiv als Gedächtnis-Metapher
SEKTIONSSITZUNG D: NATURALISIERUNG UND FIKTIONALISIERUNG
Daniel Weidner: Zweierlei Orte der Erinnerung.
Mnemonische Poetik in Uwe Johnsons Jahrestage
Uwe C. Steiner: Dinge als Gedächtnis und Dinge als zweite Natur
in der frühen kritischen Theorie
Jens Birkmeyer: Das Gedächtnis der Emotionen.
Alexander Kluges Chronik der Gefühle als verborgene
Erinnerungstheorie
Namenregister
Sachregister

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Leseproben

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Jan Neidhardt

Geb. 1979 in Wilhelmshaven/D, Biologie- und Politik-Studium in Oldenburg, zurzeit Studium der Vergleichenden Kulturwissenschaft, Theologie, Medienwissenschaften und Geschichte in Regensburg, Verfasser eines Sachbuches, Rezensent des ostbayerischen Online-Kulturmagazins Kultur-Ostbayern

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