Florence Hervé (Hg.): «Durch den Sand»

Leben, träumen, reisen in der Wüste

Dr. Karin Afshar

Das Buch liegt weich und doch fest in der Hand, fast hätte ich etwas Rauheres erwartet, aber nein, der Einband ist glatt. Auf dem Coverfoto sehen wir im Vordergrund Fußspuren im Sand; sie führen erst hin zu einer rot gekleideten, einen langen Strich-Schatten auf ihre rechte Seite werfende Frau genau in der Mitte, und dann wieder von ihr weg, über Sanddünen ihr vorauseilend auf ein fernes Gebirge zu. Bilder von Weite und Leere sind es, die das Wort Wüste in uns aufsteigen lässt, ganz unabhängig davon, ob wir selbst einmal eine reale erlebt haben oder sie aus je eigener innerer Erfahrung kennen. «Wüste» ist auch ein Seelenzustand.

«Durch den Sand» ist der Titel der Anthologie, die im Aviva Verlag frisch in diesem Jahr erschienen ist. Florence Hervé ist die Herausgeberin, und sie hat 29 Autorinnen einschließlich sich selber in die Wüste geschickt. Was erwartet den Leser dort? Und wer ist der Leser, an den sich das Buch wendet?

Was sich die Herausgeberin mit diesem Buch vorgenommen hat, erfahren wir im Vorwort. Es kündigt die Autorinnen an und ordnet sie unterschiedlichen Beweggründen, Hintergründen und Absichten zu. Zeitgenössische Schriftstellerinnen kommen zu Wort, aber auch «klassische» aus Vor-Jahrhunderten und -Denkzeiten, bekannte und weniger bekannte, solche, die in Wüstengebieten leben und solche, die sie bereisen.
Beim ersten Durchblättern, das ich mir nicht verkneifen kann, entdecke ich nach fast jedem Beitrag ein Schwarz-Weiß-Foto mit Wüstenmotiven. Zurückhaltung spricht aus dem Layout, Zurückgenommenheit – Farbe hätte hier gestört.
Im hinteren Teil erfahren wir auf 15 Seiten etwas über die Autorinnen, deren Kurzbiographien individuell sind, weil jede ihre eigenen Lebens- und Erlebnis-Schwerpunkte hat. Ich blättere ein wenig, aber die Frauen sprechen noch nicht mit mir.

Florence Hervé

Die erste Geschichte «Äpfel aus der Wüste» ist genau von der Art, die ich persönlich sehr gerne lese. Jetzt bin ich neugierig auf die nächste. «Die Wüste wirft Buckel» kommt mir im Erzählduktus bekannt vor… Nach der vierten Geschichte muss ich das Buch allerdings zur Seite legen, denn ich kann nicht mehr. Bei «Töchter der Agar» und «An beiden Enden» muss man sehr genau hinlesen, wirken lassen, aufs Verstehen, vielleicht auch auf das inwendige Schaudern, lauschen.

Am nächsten Tag, bevor ich wieder zu lesen beginne, schaue ich mir die Einteilung an. Drei große Blöcke finden sich: ‘Leben in der Wüste’, ‘Träume in der Wüste’ und ‘Reisen in der Wüste’. Der zweite Abschnitt scheint mehr Gedichte als Geschichten zu enthalten, ich habe das nicht ausgezählt. Aber auch die kann man nicht schnell lesen; weit gefehlt haben die, die das denken. Jedes Einzelne fordert Nachlesen ein, lässt die Zeit langsam werden, entschleunigt.

Für wen nun dieses Buch? Leser, die Zerstreuung erwarten, werden das Buch schnell weglegen. Formulierte ich es negativ, würde ich sagen, dass es keine leichte Sommerlektüre für den Liegestuhl am Strand ist, die man aufschlägt und dann verschlingt. Es ist eine schwere Lektüre, die dem Leser, oder der Leserin, etwas abverlangt.

Die Herausgeberin hat sich natürlich Gedanken über die Abfolge der Beiträge gemacht, und die ist gelungen. Sie schließt die Anthologie mit dem «Wüstenalphabet» von Lisette Buchholz und damit einen Kreis  – eine beschwerliche Reise haben wir gemacht, sind hinabgestiegen und ganz unten angekommen. Wir verlassen die Wüste geläutert. Den heiteren Ton dieses letzten Beitrags haben wir uns verdient, die Leichtigkeit entlässt uns – in die nächste Wüste? ■

Florence Hervé (Hrsg.), Durch den Sand, Schriftstellerinnen in der Wüste, Anthologie, Aviva Verlag, 220 Seiten, ISBN 978-3-932338-41-0

Probeseite (Vorwort)

Vorwort

Sand und Steine. Stille und Sterne. Wind und Weite.
Raum und Zeit. Die Wüste war und ist Quelle der Inspiration
für viele Schriftstellerinnen, Dichterinnen
und Reporterinnen.

Die Wüste ist Ort der Träume und Alpträume, des
Glücks und des Schmerzes, des Lebens und des Todes.
Mythen umgeben sie. Sie ist nicht tot. Sie ist
nicht nur Dürre, Einöde oder Abenteuerland. Sie kann
blühen. Sie ist Symbol für Unendlichkeit, Ewigkeit
und Freiheit, aber auch für Menschenfeindlichkeit
und Einsamkeit. Faszination und Gefahr stehen nebeneinander.

Die ausgewählten 29 Autorinnen aus Australien, Lateinamerika,
Afrika, dem Maghreb, dem Nahen und
Mittleren Osten sowie aus Europa nehmen die Wüste
auf unterschiedliche Weise wahr. Mit ihnen durchwandern
wir die australische, die Mojave- und die Gobi-
Wüsten, die Sahara und den Negev und erleben die
Vielfältigkeit einer Landschaft, die in der europäischen
Sicht meist auf orangefarbene wellige Sanddünen
reduziert wird. Ob sie in der Wüste leben und arbeiten,
ob sie von der Wüste träumen und diese
mystisch erfahren oder ob sie in die Wüste reisen:
Der Blick der Schriftstellerinnen und deren Schreibweise
unterscheidet und verändert sich.

Unter den ersten, die über die Wüste schrieben, ist
im 7. Jahrhundert Maisûn, die Gattin eines Kalifen, die
das schlichte glückliche Wüstenleben besingt. Im
Mittelalter beschreibt die Begine und Mystikerin
Mechthild von Magdeburg den Weg zur Vollkommenheit
als Weg zur »wahren Wüstenei«. In ihrer Meditation
Das fließende Licht der Gottheit wird die
Wüste zum Symbol für das Bescheidene, das Mündige,
das Unabhängige und Spirituelle.

Das 19. Jahrhundert ist von einer literarischen Orient-
Mode erfasst, wobei die Wüste für das Fremde,
das Andere, für Grauen und Faszination, für Aufbruch
und Sehnsucht nach Ursprünglichkeit steht. Der Ort
des Schreckens erfährt eine Umdeutung als Ort des
Erhabenen. Unter den Schriftstellerinnen, die sich
vom Wüstenwind und von den Klängen des Orients
beflügeln lassen, sind die Dichterinnen Karoline von
Günderrode und Annette von Droste-Hülshoff.

Im 20. Jahrhundert wird die reelle Wüste entdeckt.
Abenteuerinnen und reisende Reporterinnen brechen
mit Kamel und Zelt auf, vornehmlich in die Sahara.

Isabelle Eberhardt, sozusagen das weibliche Pendant
zum Poeten Arthur Rimbaud, fordert für sich das
Recht auf ein »unstetes Herumirren«, das Recht auf
Vagabondage: »Welch glückseliges Gefühl, eines Tages
mutig alle Fesseln abzuschütteln, welche das moderne
Leben und die Schwäche unseres Herzens uns
unter dem Vorwand der Freiheit angelegt haben;
sich symbolisch mit Stab und Bettelsack zu rüsten
und fortzugehen!« Die Vagabondage ist für sie Befreiung,
das wandernde Leben Freiheit, die Wüste eine
Stätte der Ruhe, der Schlichtheit und der Schönheit,
eine Oase des Friedens. »Ich liebe meine Sahara, ich
liebe sie mit einer dunklen, geheimnisvollen, tiefen,
unerklärlichen, aber durchaus wirklichen und unzerstörbaren
Liebe.«

Zu dieser Zeit durchstreifte die englische lebensund
reiselustige Adlige Gertrude Bell die Wüsten Arabiens,
unternahm Forschungsreisen nach Palästina
und Transjordanien. Ihr Bericht darüber ist der einer
Orientalistin, Archäologin, Historikerin und Diplomatin.

Für die Schweizer Reisenden Ella Maillart und Annemarie
Schwarzenbach waren das Abenteuerleben und
das Schreiben untrennbar miteinander verbunden.
Zusammen durchquerten sie den Iran, Afghanistan
und die Türkei.

Die bretonische Ethnologin Odette du Puigaudeau,
auch Pionierin der Sahara genannt, reizten Abenteuer,
Herausforderung und Risiko ebenso wie das entbehrungsreiche,
einfache Leben und die Begegnungen,
»die Ankunft an einem Brunnen, das Suchen
nach Weideland, eine Nachtwache am Feuer«. Die
Grenzenlosigkeit berauschte sie.

Die Australierin Robyn Davidson reiste 2.800 km allein
mit vier Kamelen durch Busch, Felsen und Sand.
In Spuren berichtet sie von den Strapazen und Freuden
ihrer Wüstenreise und stellt fest: »Die Fähigkeit
zu überleben ist vielleicht die Fähigkeit, sich von der
Umgebung verändern zu lassen.«

Die »magische Vision« und das »Farbspektakel«
der kalifornischen Wüste beeindrucken Christa Wolf,
die in ihrer Wüstenfahrt von witzigen und nachdenklichen
Begegnungen in den USA erzählt.

Andere Schriftstellerinnen sahen und sehen die Wüste
als einen Ort der Mystik, der Spiritualität, der Religion,
der Selbstfindung, der Zauberei oder gar der
Utopie.

In ihrer utopischen Erzählung Drei Träume in der
Wüste unter einem Mimosenbaum, vor dem Hintergrund der
»unendlichen« und »ewigen« Wüste, zeichnet
die südafrikanische Feministin Olive Schreiner die
Unterdrückung der Vergangenheit und den Kampf
um die Befreiung nach, weist auf die Zukunft eines
gleichberechtigten Lebens hin.

Für die Dichterinnen Else Lasker-Schüler und Nelly
Sachs ist die Wüste verbunden mit dem Heiligen
Land. Die Lyrikerin Mascha Kaléko, die 1945 nach Israel
emigrierte, wurde dort nicht heimisch. Die Wüstenei
ist für sie das Nirgendland, bedeutet Einsamkeit
und Heimatlosigkeit, auch Sehnsucht. Sie fühlt
sich »einsam wie der Wüstenwind« und »heimatlos
wie Sand«.

Für Ingeborg Bachmann ist die Wüste dagegen
eine Reise in das innere Ich, dort kann man sich nicht
entgehen. Die österreichische Schriftstellerin reiste im
Frühjahr 1964 zwei Monate nach Ägypten und in den
Sudan, schrieb an ihrem Wüstenbuch-Projekt: »Ich
nenne es vorläufig ›das Wüstenbuch‹, da eine reale
Wüstendurchquerung den Inhalt ausmacht. Die Wüste
ist der Held.« Sie ist »die unendliche Langeweile für
den einen, die immerwährende Erregung für den,
dessen Augen von ihrem Sand ausgezeichnet werden
«. Der leere und reine Wüstensand steht als Gegenbild
»zur verwüsteten Welt«, von ihm wird Erlösung
erwartet.

In Tanja Dückers Roman Der längste Tag des Jahres
erscheint die Wüste als Rückzugsstätte, als Ort der
Suche nach dem verborgenen Sinn des Lebens und
der Selbstfindung.

Für die Schriftstellerinnen aus dem Maghreb und
aus dem Nahen und Mittleren Osten ist die Wüste
von Ambivalenz geprägt. Manche haben dort Furchtbares
erlebt, Bürgerkriege und Kriege, Gewalt und
Vergewaltigung, aber auch Trost und Freiheit.

Die libanesisch-amerikanische Schriftstellerin und
Malerin Etel Adnan, die zwischen Kulturen, Sprachen
und Orten reist, beschreibt die ostsyrische Wüste von
Lawrence von Arabien als »das offene Nichts« und
die »endlose Wildnis«, die Wüstenaraber werden
»Geschöpfe des Windes« genannt. Ihr Fazit: Die »Eroberung
der Wüste ist eine erotisch befriedigende Erfahrung,
doch sie weist in die Illusion«.

In Fern von Medina besinnt sich die Algerierin
Assia Djebar auf die historischen Quellen des Islams
und zeichnet Porträts von Rebellinnen, darunter Agar,
»die der Sonne Ausgesetzte«. Abraham verließ Agar
und ihren Sohn Ismael in der Wüste.

Malika Mokeddems Darstellung der Wüste ist von
den dort erfahrenen Widersprüchen geprägt. Die algerische
Wüste, in der sie aufwuchs, ist Zelle der Traditionen,
zugleich Gefängnis für Frauen wie Ort des
Trostes, der Klarheit und der Freiheit. Sie schreibt von
der »erhebenden Trostlosigkeit«, vom »unbarmherzigen
Brennglas des Himmels« in der Wüste, aber
auch von der Sandwüste als »ein Meer der Träume«,
als »Raum der Freiheit«. Sie spürt in der Wüste
Angst und Faszination »an der Grenze des Erträglichen«.

Bei ihrem zehn Jahre langen Aufenthalt in Algerien
hat Sabine Kebir ebenfalls Veränderungen und Hoffnungen
erlebt, den Kampf um Frauenbefreiung, aber
auch Rückschläge, Frauenunterdrückung und Gewalt.
Dies beschreibt sie kenntnisreich, schildert die Sahara-
Landschaft und das Alltagsleben.

Die Wüste kann schließlich Synonym für kulturelle
Identität sein. Für die Ägypterin Miral al-Tahawi, die
in einer Beduinenfamilie aufwuchs, ist die Wüste
»lediglich eine Stammeskultur, die unseren Standort
im Dasein bestimmt«. Sie erfährt Unterdrückung und
zugleich Wärme in der Beduinenwelt, in der Frauen
für das Zelt zuständig sind, während Männer jenseits
des Tors die Freiheit erreichen.

Erstaunlich groß ist die Anzahl von Autorinnen, die
die Reise zu den kargen Landschaften und zu den Nomaden
wagen. Auch wenn unsere literarische Reise
lediglich einen kleinen Teil dieser Wüstenreisenden
versammelt, vermag sie doch unseren eigenen Blick
auf die Wüste zu verändern und lädt dazu ein, diese
neu zu erleben und zu erträumen.

Florence Hervé, Januar 2010

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