Mihai Neghina: Damen-Schachstudie (Urdruck)

Die zwei Damen im Spiegel

von Dr. Pe­ter Mar­tan

Die Schach­freunde un­ter der «Glarean»-Leserschaft wer­den sich noch an die Stu­die von Mi­hai Neg­hina er­in­nern, die un­ter dem Ti­tel «Dame im Gol­de­nen Kä­fig» vor kur­zem hier als Ur­druck ver­öf­fent­licht wurde. De­ren Kom­po­nist ist ein ganz be­son­de­res Ta­lent im Er­denken von Stu­dien, die Schach­pro­gramme auch heute noch über­for­dern – über­for­dern nicht nur hin­sicht­lich stel­lungs­ad­äqua­ter Be­wer­tung, son­dern auch hin­sicht­lich ih­rer «Be­lehr­bar­keit».
Denn er­ken­nen Pro­gramme heut­zu­tage in der Re­gel zu­min­dest rasch ihre Feh­ler, wenn man ih­nen die Züge, an de­nen sie zu­nächst vor­bei­rech­nen, ein­gibt, wo­nach sie dann die rich­tige Be­wer­tung im Hash zur Aus­gangs­stel­lung mit zu­rück neh­men, hat Neg­hina mit die­ser zwei­ten Stu­die – die eben­falls hier als Ur­druck er­scheint – neu­er­lich ein Meis­ter­werk voll­bracht, das die Pro­gramme (so­gar mit  be­kann­tem Lö­sungs­weg an frü­hen Ver­zwei­gun­gen) im­mer wie­der in die al­ten Fehl­be­wer­tun­gen zu­rück­fal­len lässt.

Weiß zieht und gewinnt

Mihai Neghina: "Die zwei Damen im Spiegel" - Schach-Studie (Urdruck) 2009 - 6Nk/pp2Np1p/2p2Pp1/2R2bP1/7K/P7/1q1n1Q2/5n2 w
Mi­hai Neg­hina: „Die zwei Da­men im Spie­gel“ – Schach-Stu­die (Ur­druck) 2009 – 6Nk/pp2Np1p/2p2Pp1/2R2bP1/7K/P7/1q1n1Q2/5n2 w

.© Mi­hai Neg­hina, Stu­die 2009, Ur­druck Glarean Ma­ga­zin

1. Rxf5 gxf5 2. Nh6 Nf3+ 3. Kh5 Qa2 4. a4 a5 5. Qg2 b6 6. Qf2 b5 7. axb5 cxb5
8. Qg2 a4 9. Qf2 a3 10. Qg2 b4 11. Qf2 Qb3 12. Qxf1 Nd2 13. Qg2 Ne4 14. Nhxf5
a2 15. Qxe4 a1=Q 16. Kh6 Qh3+ 17. Nh4 Qxh4+ 18. Qxh4 Qe5 19. Qh1 Qb8 20. Nf5 b3
21. Ng7 Kg8 22. Qe4 Kf8 23. Nh5 b2 24. g6 hxg6 25. Kh7 Qd8 26. Ng7 b1=Q
27. Qxb1 Qd6 28. Qa2 Qxf6 29. Qa3+ Qe7 30. Qa8+ Qe8 31. Qxe8# 1-0

(Ana­ly­sen: Mi­hai Neg­hina & Pe­ter Mar­tan)

Hier können Sie die Züge interaktiv nachspielen

Exkurs: Wenn Schachprogramme Stellungen bewerten…

Die alte Frage, was ein gu­tes Schach­pro­gramm mehr aus­macht: Su­che oder Be­wer­tung, lässt sich an Stel­lun­gen wie der obi­gen am bes­ten ad ab­sur­dum füh­ren. Sie ist so sinn­los wie die Frage, ob Ei oder Henne zu­erst da war. Wie soll ein Pro­gramm rich­tig be­wer­ten, was es nicht in der Su­che fin­det – und wie soll es wis­sen, was es in sei­nem Such­baum als nutz­los ab­wer­fen kann, wenn die Be­wer­tung der Va­ri­an­ten nicht stimmt?
Fast alle gu­ten Pro­gramme fa­vo­ri­sie­ren hier den Lö­sungs­zug so­fort, die Al­ter­na­tive 1.Sxf5? wird als schwä­cher er­kannt. Der Grund für die Be­wer­tung, die bei den meis­ten um 0,00 Cen­ti­pawn herum liegt, ist der Zug 3.Dxf3, nach dem eine for­cierte Stel­lungs­wie­der­ho­lung durch Dau­er­schach ge­fun­den wird. Dass es nach 3.Kh5! ei­nen si­che­ren Ge­winn­weg gibt, bleibt im Dun­keln, weil die­ser dritte Zug gar nicht erst so weit be­rech­net wird, dass er in die Be­wer­tung ein­geht.

Nun ist das be­son­ders Raf­fi­nierte an der Stel­lung, dass auch nach 10 Zü­gen in die rich­tige Ge­winn­va­ri­an­ten hin­ein zwar die Be­wer­tung der Pro­gramme hoch­schnellt, die Va­ri­an­ten­zahl mit im­mer wie­der Zug­zwang-Poin­ten in grö­ße­ren Halb­zug­tie­fen ist aber so groß, dass es auch im «Rück­wärts­gang», Zug um Zug zur Aus­gangs­stel­lung ab der als Ge­winn er­kann­ten spä­te­ren Ver­zwei­gung kaum ge­lingt, den En­gi­nes «bei­zu­brin­gen», die Ge­winn­be­wer­tung zu be­hal­ten – ein­fach weil mehr und mehr Va­ri­an­ten da­zu­kom­men, die das Er­geb­nis hin­ter dem «Ho­ri­zont» ver­schwin­den las­sen.
Über­tra­gen auf un­sere «Zwei-Damen»-Aufgabe be­deu­tet dies, dass also ihre Zug­ge­ne­rie­rung bis zum drit­ten Zug funk­tio­niert – aber gleich­zei­tig, dass sie das Po­ten­tial der Stel­lung nicht rich­tig ein­schät­zen, was sich dann ab die­sem drit­ten Zug auch als Feh­ler aus­wirkt. Kurzum, die Lö­sung fin­den alle Pro­gramme schnell, aber aus völ­lig «fal­schen Grün­den»:  «Ope­ra­tion ge­lun­gen, Pa­ti­ent ge­stor­ben».

Die Vorform der «Damen»

Es ist aus­ge­spro­chen span­nend, sol­che Stu­dien mit dem Com­pu­ter zu über­prü­fen, und auch in den «Zwei Da­men im Spie­gel» gab es eine Vor­form, die Neg­hina und mir erst nach län­ge­rem Durch­fors­ten mit Com­pu­ter­un­ter­stüt­zung als ech­tes «Loch» klar wurde – bei den vie­len fal­schen Re­mis­va­ri­an­ten, die der Com­pu­ter vor­schlug, war eine echte da­bei. Wie­der war die Aus­gangs­stel­lung nur mi­ni­mal an­ders. (Siehe nächs­tes Dia­gramm). Be­son­ders fin­dige Stu­di­en­kna­cker sind ge­for­dert, die Va­ri­ante zu fin­den, an der die­ser kleine Stel­lungs­un­ter­schied schei­terte.

Vorform der Studie von Mihai Neghina: "Die zwei Damen im Spiegel" - Schach-Studie (Urdruck) 2009 - - 6Nk/pp2Np1p/2p2Pp1/2R2bP1/1P5K/8/Pq1n1Q2/5n2 w
Vor­form der Stu­die von Mi­hai Neg­hina: „Die zwei Da­men im Spie­gel“ – Schach-Stu­die (Ur­druck) 2009 – – 6Nk/pp2Np1p/2p2Pp1/2R2bP1/1P5K/8/Pq1n1Q2/5n2 w

Wi­der­le­gungs­va­ri­ante der ers­ten Vor­form:
1.Txf5 gxf5 2.Sh6 Sf3+ 3.Kh5 Dxa2 4.Dg2 a6 5.Df2 c5 6.bxc5 [6.b5 a5 7.Dg2 a4 8.Df2 a3 9.Dg2 Dc4 10.Dxf3 Sg3+ 11.Dxg3 De2+ 12.Kh4 De4+ 13.Kh3 Dh1+ 14.Dh2 Df3+ 15.Kh4 De4+] 6…a5 7.Dg2 a4 8.c6 bxc6 9.Df2 a3 10.Dg2 Dc4 11.Dxf3 Sg3+ 12.Dxg3 De2+ 13.Kh4 De4+ 14.Kh3 Dh1+ 15.Dh2 Df3+ 16.Kh4 De4+ ½–½ ■

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