Abraham Verghese: Rückkehr nach Missing (Roman)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 3 Minu­ten

Über allem die Liebe zu den Menschen

von Alexander Remde

Rück­kehr nach Miss­ing“ ist auch ein Roman. Nur reicht die­ses Wort nicht aus, um zu beschrei­ben, was in den 770 Sei­ten des neu­es­ten Wer­kes von Abra­ham Ver­ghese steckt. Es ist auch Saga, medi­zi­ni­sches Lehr­buch, Plä­doyer – und eine Lie­bes­er­klä­rung an einen Beruf und einen Kontinent.
Mit Sicher­heit keine leichte Lite­ra­tur, aber ein Werk, das berührt und das mit tie­fen Emo­tio­nen den gedul­di­gen Leser belohnt, geschrie­ben in einem Stil, den ich schon ver­lo­ren glaubte, und an dem Tho­mas Mann seine helle Freude gehabt hätte.

Wer es alt­mo­disch nennt, trifft den Kern, denn Prä­zi­sion und Emo­tion wer­den hier wie­der ver­eint und geben eine Nähe zum Gesche­hen, die den Leser, falls er dazu bereit ist, in einen zeit­lo­sen Raum ent­führt. Und ist es nicht genau das, wonach wir uns seh­nen? Wer nah am Was­ser gebaut ist, wird bei der Lek­türe die eine oder andere Träne ver­gies­sen, ohne es zu bereuen. Es ver­bie­tet sich hier, auch ange­sichts der Viel­fäl­tig­keit und Boden­lo­sig­keit der Hand­lung, ein Pro­to­koll anzu­fer­ti­gen und wei­ter­zu­ge­ben. Viele Geschich­ten spin­nen sich um den Kern und ver­ei­nen sich letzt­end­lich zu dem, was man wohl Sinn nennt.

Als Zwillings-Waisen in Äthiopien

Abraham Verghese: Rückkehr nach Missing - Roman - Insel VerlagIm Mit­tel­punkt steht die Geschichte der Zwil­lings­brü­der Marion und Shiva, die als Wai­sen in Äthio­pien ihren Weg suchen. Die Mut­ter, eine indi­sche Nonne, stirbt bei der Geburt; der Vater, ein bri­ti­scher Chir­urg, ver­schwin­det spur­los. Die Brü­der erler­nen beide des Vaters Beruf, wer­den sich auf tra­gi­sche Weise tren­nen, und einer wird sich in die Hände des ande­ren und zwangs­läu­fig auch in die Hände des ver­lo­re­nen Vaters bege­ben müs­sen. Beide Brü­der wird die Liebe zu einer Frau quä­len, beide leben im Addis Abeba der sech­zi­ger Jahre, einer von poli­ti­schen Unru­hen erschüt­ter­ten Haupt­stadt. New York wird eine Rolle spie­len, ebenso die Gesund­heits­sys­teme der Rei­chen und der Drit­ten Welt.
Sicher­lich klingt hier eini­ges nach Pathos, wird doch mit Nach­druck jeder Zwang in Frage gestellt, der sich ergibt, wer­den öko­no­mi­sche Mög­lich­kei­ten mit medi­zi­ni­schen Not­wen­dig­kei­ten auf einer Ebene notiert. Doch hier setzt der Hebel an, den uns Abra­ham Ver­ghese als Bot­schaft zwi­schen die Zei­len schreibt. Eine Aus­bil­dung, die Über­flüs­si­ges lehrt und Not­wen­di­ges nicht nach­hal­tig genug ver­mit­telt, eine Hei­mat, die keine mehr ist, und ein Ver­trau­ens­ver­hält­nis zwi­schen Abhän­gi­gen (hier Arzt und Pati­ent), wel­ches auf dünns­tem Eis wandelt.

Eine Geschichte über das Vertrauen

Abraham Verghese - Glarean Magazin
Abra­ham Verghese

Über allem steht die Liebe zu den Men­schen und damit ja auch die Liebe zu sich selbst. Viel­leicht ist „Rück­kehr nach Miss­ing“ eine Geschichte über das Ver­trauen, das schnell ver­lo­ren geht und schwer wie­der­ge­won­nen wird. Oder es ist eine Erzäh­lung vom Glau­ben an die Unend­lich­keit der Mut­ter­liebe, die alles in jeder Zukunft zusam­men­fü­gen wird, gleich wel­cher Wirk­lich­keit, Region und Gesell­schaft wir ange­hö­ren. Dass ein Buch Far­ben in uns malt, Stim­men schafft und Figu­ren ent­ste­hen lässt, neh­men wir als selbst­ver­ständ­lich an. Wie Abra­ham Ver­ghese die­sen Anfor­de­run­gen genügt, wird uns zuvor­derst etwas fremd erschei­nen, dann erstau­nen und letzt­end­lich erlö­sen. „Rück­kehr nach Miss­ing“ ist ein Buch, das nie zu schwer wiegt und doch kein leich­tes Lesen ver­spricht. Wer bereit ist, sich auf ein tra­gi­sches Aben­teuer ein­zu­las­sen, der wird genies­sen können.

Abra­ham Ver­ghese, als Sohn indi­scher Eltern gebo­ren in Äthio­pien, spen­det wohl eini­ges an eige­nem Leben dem Roman; das macht ihn echt. Wie viel der Leser davon anneh­men und ver­ste­hen will, bleibt ihm selbst über­las­sen. Die schöne Kunst des Erzäh­lens dür­fen wir hier genies­sen und zah­len als Preis dafür nur Auf­merk­sam­keit und Auf­fas­sungs­gabe, sofern wir geneigt sind, uns in eine fremde Welt fal­len zu lassen. ♦

Abra­ham Ver­ghese, Rück­kehr nach Miss­ing, Roman, Insel Ver­lag, 770 Sei­ten, ISBN 978-3-458-17450-9

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema „Arzt-Roman“ auch über Gisa Pauly: Die Heb­amme von Sylt

… sowie zum Thema Medi­zin und Geschichte über die ARD-TV-Serie „Cha­rité“ (3. Staffel)

Ein Kommentar

  1. Nach der Lese­probe muss ich sagen: ich liebe genau die­sen Schreibstil! ;-)*

    *Der Smi­ley bedeu­tet kei­nes­wegs Iro­nie, son­dern ist ein Aus­druck mei­ner außer­or­dent­li­chen Freude, ein­mal wie­der so etwas Schö­nes zu lesen.

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