Franz Trachsel: Sonne im Rücken (Humoreske)

Hab Sonne im Rücken!

Franz Trach­sel

Auf Rad- und Fuß­we­gen als Stunt­man auf­zu­tre­ten ist nicht der spek­ta­ku­lärste Ort da­für und da­her von an­de­rer «Per­sön­lich­keits­struk­tur» als im an­ge­stamm­ten Film. An­de­rer Na­tur da­her auch der hier ab­ge­han­delte Auf­tritt, näm­lich teils au­ßer­ir­di­scher, teils aber vor Ort in Szene ge­setz­ter. Eine Stun­t­rea­li­tät je­doch in­so­fern, als der ge­wöhn­li­che Er­den­bür­ger, vor­aus­ge­setzt er ist ein Rad­fah­rer, als sol­cher ge­mein­sam mit kei­ner Ge­rin­ge­ren als mit Frau Sonne am Him­mel Re­gie führt und zwar in Ge­stalt ei­nes ak­ti­vier­ten Schat­tens sei­ner selbst.
Schat­ten ha­ben so­wohl als Be­griff wie auch real ein phy­si­ka­lisch miss­hel­li­ges Da­sein. Sie sind so­zu­sa­gen Licht und Schat­ten zu­gleich. Das vor al­lem mit ei­nem im­mens be­leb­ten Adria-, ei­nem Ba­lea­ren- oder At­lan­tic-City-Strand oder wo auch im­mer rund um den Erd­ball, mit schat­ten­spen­den­den Pal­men auf ei­ner Wüs­ten­oase, vor Au­gen. Selbst dem Rad­fah­rer müs­sen Licht und Schat­ten, so­weit in Stunt­ge­stalt, nicht bloß als nichts­nut­zige Be­gleit­erschei­nun­gen vor­kom­men. Zur rich­ti­gen Ta­ges­zeit – Schön­wet­ter vor­aus­ge­setzt – am rich­ti­gen Ort in der ein­schlä­gi­gen Rich­tung un­ter­wegs, er­lebt er sie ei­ner pfif­fi­gen Him­mels­laune, ja -gunst gleich. Und zwar mit Frau Sonne im Rü­cken. Sollte sich an­ge­sichts des­sen in ih­rem nach Mil­li­ar­den von Jah­ren zäh­len­den, höchst war­men Ant­litz auch nur ein Hauch von Herz­lich­keit re­gen, dann ge­wiss aus Freude dar­über, aus knapp 150 Mil­lio­nen Ki­lo­me­tern Ent­fer­nung an solch ei­nem prä­zi­sen Erd­be­woh­ner-Phä­no­men maß­geb­lich be­tei­ligt zu sein. Das umso mehr, als fast al­les da­für spricht, dass wir die ein­zi­gen Le­be­we­sen der Pri­ma­ten­spe­zies sind, die sich so in ih­rem Licht-, Wärme- und Blick­feld tum­meln.
Erst­mals muss sich sol­cher­lei Ein­ver­neh­men auf Mut­ter Erde – Stras­sen, ob von den Rad­fah­rern gleich als sol­che wahr­ge­nom­men oder nicht – zur Zeit der meis­ten Fahr­rä­der vor 200 Jah­ren ein­ge­stellt ha­ben. Dies noch 150 Jahre be­vor selbst im Fahr­rad-Ak­ku­mu­la­tor mit­ge­führte So­lar-, also von Frau Sonne ge­spie­sene En­er­gie den Fah­rer bei Be­darf beim Pe­da­len zu un­ter­stüt­zen be­gann.
Schöne Tage zeich­nen sich be­kannt­lich viel­fach auch durch ge­ra­dezu ro­man­ti­sche Abende aus. Herbst­abende zum Bei­spiel kön­nen ei­gent­li­chen Günst­lin­gen gleich da­her­kom­men. So die Stun­den er­füll­ter ir­di­scher An­sprü­che Mr. Stunts: Ein vor al­lem fül­li­ger Licht­ein­fall aus spie­gel­kla­rem Him­mel. Fal­len des­sen abend­lich milde Strah­len flachst denk­bar und ma­kel­los li­near zum West-Ost-Weg ein, sieht er die ent­schei­dend wich­ti­gen Vor­aus­set­zun­gen für seine stol­zen Auf­tritte erfüllt.Etwas Mu­si­sches bis schat­ten­haft Stren­ges ist nun ein­mal dran und eine Prise Sa­tire dazu. Mu­sisch der Schat­ten­wurf in Stunts-Ge­stalt sel­ber, sa­ti­risch aber das Wie! Wem sonst näm­lich wäre es be­schie­den, sei­nen Auf­tritt grund­sätz­lich nur bo­den­flach kopf­voran zu er­brin­gen! Und wel­cher zum Zeit­punkt sei­ner Auf­tritte auf dem dem­sel­ben Weg un­ter­wegs be­find­li­che Fuß­gän­ger nähme nicht Rück­sicht auf sol­cher­lei reich­lich an­ders ge­la­gerte Ver­kehrs­teil­neh­mer! Als sol­che zeich­net sie nun ein­mal eine ur­ei­gene Si­gnal­wir­kung aus, die ih­res­glei­chen sucht. Je .län­ger die Schat­ten­ge­stalt, bei idea­lem Son­nen­licht-Ein­fall zwölf und mehr Me­ter, desto an­sehn­li­cher der Ab­stand des in Wirk­lich­keit hin­ter­her Pe­da­len­den und zum Bei­spiel von Spa­zier­gän­gern als umso schick­li­cher emp­fun­den, ihm auf eine freie Fahrt aus­zu­wei­chen. Wenn sich da nicht selbst Frau Sonne, ih­rem abend­li­chen Un­ter­gang nahe, an­ge­sichts des­sen nicht bis­wei­len aus ih­rer schier uni­ver­sa­len Ferne im Sinne ei­nes «Hab Sonne im Her­zen» ein dis­kre­tes Schmun­zeln leis­ten würde! Aber wie sie sich rund um den Erd­ball und rund um die Uhr pau­sen­los ir­genwo von neuem auf eine gute Nacht ver­ab­schie­det, so mel­det sie sich un­auf­halt­sam stets auch ir­gendwo auf ei­nen neuen Tag.
Ob dann durch un­freund­li­che Wol­ken­hül­len am Be­stel­len je­wei­li­ger neuer Stunts ge­hin­dert, das ist hier Frage. Des­glei­chen auch ob sol­che ir­gendwo auf dem Erd­ball sich auch durch ihre gute mit­tel­eu­ro­päi­sche Schlank­heit aus­zeich­nen. Und das un­ab­hän­gig von ih­rer bis­wei­len an­sehn­lich bo­den­eben da­hin­hu­schen­den Länge. So oder so, es lohnt sich als Rad­fah­rer sol­che gleich am Mor­gen ge­mein­sam mit Frau Sonne wie­der krei­ie­ren zu ge­hen. Ihr Auf­tritt lässt sich zu frü­her Stunde nach ih­rem Auf­gang, ob gleich nun aus Os­ten dem Wes­ten ent­ge­gen, dies­mal erst recht se­hen und er­le­ben. Was, wenn die Frühe, der Ein­falls­win­kel und des­sen Li­nea­ri­tät stim­men, den jun­gen Mor­gen an auf­fäl­li­ger Fri­sche aus­zeich­net, zeich­net näm­lich des­glei­chen auch seine Stunts aus. Und der mit­ver­ant­wort­li­che Re­gis­seur,  der Rad­fah­rer hätte (ob mit oder ohne vor ihm un­ter­wegs be­find­li­che Fuß­gän­ger) Grund, das be­kannte Lied «Hab Sonne im Her­zen» auf «Hab Sonne im Rü­cken» ab­ge­wan­delt zu sin­gen! Denk­bar, dass er da­mit so­gar ans Herz des Stunt­mans zu rüh­ren ver­möchte! ■


Franz TrachselFranz Trach­sel

Geb. 1933, lang­jäh­ri­ger Lo­kal- und Kul­tur­jour­na­list bei ver­schie­de­nen Print­me­dien, Kurz­prosa in Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten, lebt in Emmenbrücke/CH

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