String Thing: Groovy Strings (Musikunterricht)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 5 Minu­ten

Groove it!

von Walter Eigenmann

Pop auf der Geige, Rock mit der Brat­sche, Folk im Cello, oder Latin für den Bass – geht das?? Das geht. Und wie. Den Beweis ange­tre­ten haben (längs­tens auf der Kon­zert-/Stu­dio­bühne und nun auch in Buch­form) die vier deut­schen Strei­che­rIn­nen Jens Pei­zunka (Kon­tra­bass), Mike Rut­ledge (Vio­line), Nicola Kruse (Vio­line) und Susanne Paul (Vio­lon­cello) – genannt „String Thing“. Das (durch­wegs auf Hoch­schu­len klas­sisch aus­ge­bil­dete) Strei­cher­en­sem­ble String Thing „groovt“ nun­mehr schon seit zwan­zig Jah­ren durch volle Kon­zert­sääle und hat sich jetzt mit dem Wies­ba­de­ner Musik­ver­lag Breit­kopf & Här­tel zusam­men­ge­tan, um dem ganz beson­de­ren Musik-Phä­no­men „Groove“ auch auf den theo­re­ti­schen bzw. instru­men­tal­di­dak­ti­schen Grund zu gehen. Ent­stan­den ist die 140-sei­tige Grund­la­gen-Unter­su­chung „Groovy Strings – Rhythmus&Groove im Streicherunterricht“.

Was ist eigentlich Groove?

String Thing - Groovy Strings - Rhythmus & Groove im Streicherunterricht (Breitkopf & Härtel Verlag)Doch was ist eigent­lich Groove? Mit „Groove“ ver­bin­den die vier Buch­au­torIn­nen kei­nen fixier­ten musik­wis­sen­schaft­li­chen Ter­mi­nus, son­dern als ers­tes mal ein „stil­ty­pi­sches Rhyth­mus­mo­dell“, eine „sti­lis­tisch ein­deu­tige rhyth­mi­sche Aus­prä­gung eines Musik­stü­ckes“; Groove umfasst „Tempo, Art der rhyt­mi­schen Phra­sie­rung bis hin zur Ver­wen­dung typi­scher har­mo­ni­scher, melo­di­scher und rhyth­mi­scher Struk­tu­ren und Figu­ren“ (Chris­toph Hem­pel). Sodann beto­nen die AutorIn­nen den kör­per­li­chen, den spon­tan mit­reis­sen­den Aspekt die­ses Begrif­fes: „Groove kann ent­ste­hen, wenn bei einem Musi­ker die Vor­stel­lung des Rhyth­mus und seine Kör­per­be­we­gung genau über­ein­stim­men. Dazu müs­sen ihm beide Ebe­nen mit einer Selbst­ver­ständ­lich­keit, einer ‚Von-alleine-Qua­li­tät‘ ver­füg­bar sein wie etwa der Herz­schlag, das Atmen oder das Gehen“.

Groove-Beispiele von im Heft durchgängig benutzten Phrasierungssilben, basierend auf der gängigen Praxis in Bigbands
Groove-Bei­spiele von im Heft durch­gän­gig benutz­ten Phra­sie­rungs­sil­ben, basie­rend auf der gän­gi­gen Pra­xis in Bigbands

Jazz, Rock und Pop kann man lernen“

Diese Selbst­ver­ständ­lich­keit ist aller­dings erst das Resul­tat, nicht die Vor­aus­set­zung der Jazz-/Pop-Aus­bil­dung, denn wie die AutorIn­nen grund­sätz­lich die gän­gige Unter­richts­pra­xis an den Musik-Schul­in­sti­tu­tio­nen kri­ti­sie­ren: „Die Mei­nung unter Jazz-Päd­ago­gen ist immer noch ver­brei­tet, ein Schü­ler könne von selbst gut phra­sie­ren oder eben nicht. Ent­ge­gen die­ser Ein­schät­zung sind wir der fes­ten Über­zeu­gung, dass man leh­ren und ler­nen kann, Musik aus den Berei­chen Jazz, Rock und Pop stil­ge­recht und ‚akzent­frei‘ zu spie­len. Was bis­her fehlte, ist eine Metho­dik, die es ermög­licht, die not­wen­di­gen Grund­la­gen dazu sys­te­ma­tisch zu ver­mit­teln.“ Und wei­ter: „Es erscheint uns gerecht­fer­tigt, so unter­schied­li­che Stile groo­ven­der Musik wie Swing, Heavy Metal, Reg­gae, Bossa Nova und Blues unter einem auf­füh­rungs­prak­ti­schen Dach zusam­men­zu­fas­sen und von einer über­ge­ord­ne­ten Auf­füh­rungs­pra­xis zu spre­chen, denn bei allen beträcht­li­chen Unter­schie­den haben diese Stile eines gemein­sam: ihre afro­ame­ri­ka­ni­schen Wur­zeln. Dar­aus erklä­ren sich die kei­nes­wegs zufäl­li­gen, belie­bi­gen oder aus­tausch­ba­ren Gesetz­mäs­sig­kei­ten, von denen das Rhyth­mus­emp­fin­den (Groove), die Arti­ku­la­tion, die Phra­sie­rung und damit die spiel­tech­ni­schen Beson­der­hei­ten groo­ven­der Musik geprägt sind.“

Didaktisch und praktisch leicht realisierbare Unterweisung

String Thing Quartett - Glarean Magazin
String Thing Quartett

Dass ihre „groo­vige“, theo­re­tisch-metho­disch sehr durch­dachte, didak­tisch leicht rea­li­sier­bare und dabei betont am prak­ti­schen, ja „emo­tio­na­len“, weil v.a. rhyth­mi­schen Musi­zie­ren aus­ge­rich­tete Unter­wei­sung in ziem­li­ches musik­päd­ago­gi­sches Neu­land vor­stösst, ist den vier Buch-AutorIn­nen durch­aus bewusst. Zu sehr ver­brei­tet ist im her­kömm­li­chen Strei­cher­un­ter­richt noch immer das „klas­si­sche“, zuwei­len mit fast ver­snob­tem Rokokko-Perü­cken-Puder über­zu­ckerte Image des brav vor sei­nem Noten­stän­der auf­ge­stell­ten Gei­gen­schü­lers, wel­cher lust­los, aber pflicht­be­wusst sein Boc­che­rini-Menu­ett­chen rauf- und run­ter­fie­delt, mehr ahnend als wis­send, dass seine Vio­line einen der Haupt­pfei­ler alt­ehr­wür­di­ger abend­län­di­scher Instru­men­tal­kul­tur sym­bo­li­siert. Und das Autoren-Quar­tett bedau­ert: „Für Blä­ser, Pia­nis­ten und Gitar­ris­ten ist die Beschäf­ti­gung mit Jazz, Rock und Pop längst selbst­ver­ständ­lich. Nur bei den Strei­chern ist dies nach wie vor eher unge­wöhn­lich, und ent­spre­chende Lite­ra­tur ist kaum zu finden.“

Grooviger Zugang zur Streichmusik

Sehr rich­tig auch die Fest­stel­lung im Vor­wort des Ban­des, dass „groo­vende“ Musik­stile aller Rich­tun­gen den jun­gen Musik­in­ter­es­sier­ten mög­li­cher­weise über­haupt erst den Zugang zu Geige, Brat­sche oder Cello eröff­net: „Die Beschäf­ti­gung mit popu­lä­rer Musik in der mit­un­ter schwie­ri­gen Phase der Puber­tät kann eine neue Per­spek­tive auf­zei­gen, wenn z.B. das Spie­len von klas­si­scher Musik als ‚uncool‘ gilt und des­halb die Mög­lich­keit erwo­gen wird, den Musik­un­ter­richt ent­we­der ganz auf­zu­ge­ben oder von einem Streich­in­stru­ment zu einem Pop-taug­li­che­ren, ‚coo­le­ren‘ Instru­ment zu wech­seln.“ Allein dies schon eine schla­gende Argu­men­tie­rung für den Ein­be­zug von Pop-Musik in den „klas­si­schen“ Gei­gen­un­ter­richt, des­sen Musik­aus­wahl nicht nur mit ver­gan­ge­nen Jahr­hun­der­ten, son­dern auch mit der per­sön­lich-all­täg­li­chen, mas­siv Medien-gesteu­er­ten Erleb­nis­welt der Jugend­li­chen zu tun haben sollte. (Andern­falls dürf­ten in der Tat, wie allent­hal­ben befürch­tet, die Jahre der Geige als „Brei­ten­in­stru­ment“ gezählt sein.)

Unterschiedliche Musikpädagogik bei Klassik und Pop

„String Thing“: Mozart oder Hen­drix? Mozart UND Hendrix!

Aller­dings erfor­dern Jazz- und Popu­lar­mu­sik eine von Klas­sik deut­lich unter­schie­dene Musik­päd­ago­gik. Deren Metho­dik- und Reper­toire-Ansätze für den moder­nen Strei­cher­un­ter­richt jetzt auf glei­cher­mas­sen umfas­sende wie anre­gende Weise sys­te­ma­ti­siert und in ein effi­zi­en­tes Unter­richts­kon­zept gebracht zu haben ist eine echte Pio­nier­ar­beit der als Musi­ker und Leh­rer mehr­fach inter­na­tio­nal aus­ge­zeich­ne­ten „String-Thing“-Autoren. Zusätz­lich auf­ge­wer­tet wird der gross­for­ma­tige, auch lay­oute­risch und noten­ty­po­gra­phisch sehr ästhe­tisch gestal­tete Band durch die mit­ge­lie­ferte Extra-CD, deren Audio-Tracks (Geige, Brat­sche & Cello) sowohl zur Ein­stim­mung am Unter­richts­be­ginn als auch für den Play­back-Hin­ter­grund ein­ge­setzt wer­den können.
Alles in allem ist „Groovy Strings“ nicht nur eine bis jetzt sehr ver­misste Mate­ri­al­samm­lung, son­dern auch ein metho­disch pro­gres­siv anwend­ba­rer Leit­fa­den, der zwar nur bedingt bei Anfän­gern, aber ab spä­tes­tens drit­tem Unter­richts­jahr sys­te­ma­tisch ein­ge­setzt wer­den kann, und des­sen hoher Spass­fak­tor die vor lau­ter ehr­wür­di­ger Gei­gen­tra­di­tion muf­fige Luft in so man­cher Musik­schul­stube schlag­ar­tig ver­bes­sern könnte. „Groovy Strings“ ist nicht die Alter­na­tive, aber eine wert­volle Ergän­zung zum „Klassik“-Unterricht. Das Werk gehört defi­ni­tiv in die Noten­mappe eines jeden Strei­cher-Päd­ago­gen – direkt neben Mozart & Co. ♦

String Thing: Groovy Strings, Rhythmus&Groove im Strei­cher­un­ter­richt, 140 Sei­ten & CD, Breit­kopf-Här­tel Ver­lag, ISBN 978-3-7651-0387-2

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema Strei­cher­un­ter­richt auch über M. Dartsch & S. Rich­ter: Der Cellokasten
… sowie zum Thema Musik­un­ter­richt über Gerd Are­ndt: Instru­men­tal­un­ter­richt für alle?
Aus­ser­dem im GLAREAN zum Thema Musik-Psy­cho­lo­gie: Was bringt den Jazz wirk­lich zum Swin­gen? – Über das Mikrot­iming im Rhythmus

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