Heute vor … Jahren: Die Zofen (Jean Genet)

Ungeheure Träume träumender Ungeheuer

Über «Die Zofen» von Jean Genet

von Wal­ter Ei­gen­mann.

Verfilmung von "Die Zofen" durch Chr. Miles (England 1974)
Ver­fil­mung von „Die Zo­fen“ durch Chr. Mi­les (Eng­land 1974)

Am 17. April 1947 hat das Pa­ri­ser Théatre de l’Athéne auf sei­nem Spiel­plan die Ur­auf­füh­rung ei­nes Stü­ckes, des­sen Au­tor im Säug­lings­al­ter von sei­ner Mut­ter, ei­ner Pro­sti­tu­ier­ten, der Für­sorge über­ge­ben wird, und der schon in sei­ner Ju­gend­zeit als Strich­junge, va­ga­bun­die­ren­der Dieb, Schwu­len-Zu­häl­ter und schließ­lich als mehr­jäh­ri­ger Sträf­ling je­nes Ver­wor­fe­nen-Le­ben lebt, das spä­ter zur zen­tra­len Staf­fage, ja zur ze­le­brier­ten Un­ter- und Ge­gen-Welt des to­ta­len Werte-Ne­gie­rens in fast al­len sei­nen Ro­ma­nen und Stü­cken er­ho­ben wird. Die Rede ist von dem fran­zö­si­schen Schrift­stel­ler, Dra­ma­ti­ker und Poe­ten Jean Ge­net (1910-1986) – und von sei­nem ab­surd-gro­tes­ken Prosa-Ein­ak­ter «Die Zo­fen» (Les Bon­nes).
Die Zo­fen, das sind die Schwes­tern Claire und So­lange, wel­che die­nend gleich­sam zum le­ben­den Mo­bi­liar in der rei­chen Sa­lon-Welt ei­ner «gnä­di­gen Frau» er­nied­rigt sind, die aber, ist die Herr­schaft aus dem Haus, zu ei­ge­nem Spiel und Traum um­sie­deln, um dort ih­ren Herr­schafts-Trie­ben, ih­ren Ver­gel­tungs-Sehn­süch­ten, ih­rer ge­gen­sei­ti­gen Hass-Liebe und ih­rem Ver­nich­tungs­rausch zu frö­nen.

Der Mord als Katharsis

Jean Genet
Jean Ge­net

Ihr Mord-Plan, die Her­rin zu ver­gif­ten, nach­dem sie de­ren Ge­lieb­ten be­reits an­onym de­nun­ziert und (wie sie mei­nen) für im­mer ins Ge­fäng­nis ge­bracht ha­ben, ist der erste Schritt zur ei­ge­nen Er­lö­sung, die das so­ziale Ge­füge neu­tra­li­sie­ren und die bei­den Zo­fen sel­ber im phan­tast­ma­go­ri­schen Rol­len-Spiel als Die­ne­rin und als Her­rin in­stal­lie­ren soll. Claire (als neue Her­rin) und So­lange ver­stri­cken sich qual­voll lei­dend und lüs­tern ge­nie­ßend zu­gleich in ihre grau­sam-lust­volle Traum-Flucht hin zur selbst­ge­wähl­ten Knecht­schaft, die sie be­freien soll. Der Zo­fen ge­nüss­lich-mor­bide Spiel-Lust an der Un­ter­wer­fung wie der Un­ter­drü­ckung macht sie zu «Un­ge­heu­ern – wie wir sel­ber, wenn wir die­ses oder je­nes träu­men» (Ge­net). Als die psy­cho­lo­gisch kon­se­quent vor­an­ge­trie­bene Apo­theose die­ser Liebe-Hass- und Herr­schaft-Un­ter­wer­fung-Am­bi­va­lenz naht, kippt die erst ge­spielt-vir­tu­elle Iden­ti­täts-Flucht der bei­den Zo­fen in die tra­gi­sche Rea­li­tät: Her­rin ist nun Claire, und diese trinkt das für die «Gnä­dige» be­stimmt Gift, «wäh­rend So­lange un­be­weg­lich mit dem Ge­sicht zum Pu­bli­kum steht, die Hände über­kreuzt, als ob sie Hand­schel­len trüge».
Der «Ko­mö­di­ant und Mär­ty­rer Saint Ge­net», wie Sartre in sei­nem gleich­na­mi­gen um­fang­rei­chen Es­say die­sen so­wohl bio­gra­phisch wie li­te­ra­risch so­li­tä­ren Skan­dal-Au­to­ren nennt, in­ter­pre­tiert sel­ber «Die Zo­fen» we­der als So­zi­al­kri­ti­ker noch als Psy­cho­loge oder gar Mo­ra­list, son­dern als Poet: «Ich ver­suchte, eine Di­stan­zie­rung zu er­rei­chen, die gleich­zei­tig ei­nen de­kla­ma­to­ri­schen Ton zu­las­sen und es er­mög­li­chen sollte, das Thea­tra­li­sche ins Thea­ter zu brin­gen. Ich hoffte, da­durch die Cha­rak­tere ab­zu­schaf­fen… und sie durch Sym­bole er­set­zen zu kön­nen, die so weit wie mög­lich von dem ent­fernt sein soll­ten, was sie ei­gent­lich ver­kör­per­ten, und doch wie­der eng da­mit ver­knüpft, um als ein­zi­ges Bin­de­mit­tel zwi­schen Au­tor und Pu­bli­kum die­nen zu kön­nen. Kurz, ich wollte er­rei­chen, dass die Fi­gu­ren auf der Bühne nur noch Me­ta­phern des­sen wa­ren, was sie dar­stel­len soll­ten.» Die selbstimagi­nierte Hass- und Ekel-Es­ka­la­tion der Zo­fen wird so zur Ze­le­brie­rung ei­nes Ri­tu­als, wel­ches das Ver­bre­chen als rei­ni­gende Kult-Hand­lung zen­triert: Der Mord als Ka­thar­sis.

Krankhaft überhöhte Leidensfähigkeit der Protagonisten

Auf die (im bio­gra­phi­schen Kon­text durch­aus na­he­lie­gende) Frage, warum er nie ei­nen Mord ver­übt habe, ent­geg­nete ein­mal der ho­mo­se­xu­elle Kri­mi­nelle und ewige Flücht­ling Ge­net ent­waff­nend: «Wahr­schein­lich, weil ich meine Bü­cher ge­schrie­ben habe». Und die Kom­pro­miss­lo­sig­keit, mit wel­cher die­ser Au­tor – des­sen Le­ben sich vor ei­nem bür­ger­li­chen Blick wie ein ein­zi­ger tra­gi­scher Witz aus­brei­tet – die über­hö­hende wie krank­haft über­höhte Lei­dens­fä­hig­keit sei­ner Prot­ago­nis­ten bis zur bit­te­ren Neige aus­kos­tet, wird nur noch über­trof­fen durch die ab­sur­den, schier ir­rea­len Tri­via­li­tä­ten, wel­che all diese Düs­ter­nis und die­ses Schei­tern in Ge­nets teils per­ver­sen, teils ins Re­li­giös-Hei­lige ge­stei­ger­ten Welt(en) aus­zu­lö­sen ver­mö­gen. Dass sich der Exis­ten­zia­list Sartre und der frühe Coc­teau so­wie in der Folge sol­che nam­haf­ten Un­der­ground- und Beat-Schrift­stel­ler wie Al­len Gins­berg, Wil­liam Bur­roughs, Jack Ke­rouac oder Gre­gory Corso bis zu Charles Bu­kow­ski auf Jean Ge­net als ei­nen ih­rer li­te­ra­ri­schen Ani­ma­teure be­ru­fen, ist also kei­nes­wegs zu­fäl­lig.

Die zwei Schwes­tern

Die In­spi­ra­tion für sei­nen «Zofen»-Handlungsrahmen holte sich Ge­net bei ei­nem wah­ren Mord­fall im fran­zö­si­schen Städt­chen Mans, wo die bei­den Ge­schwis­ter Chris­tine (28) und Léa Pa­pin (21) schon lange in ei­nem bür­ger­li­chen, äu­ßert streng ge­führ­ten Haus­halt in der Pro­vinz­stadt Mans als Dienst-Mäd­chen an­ge­stellt wa­ren. Wie sich die Tra­gö­die ab­spielte, schil­dert Ed­mund White in sei­nem Buch «Jean Ge­net» (Mün­chen 1993):
«Ei­nes Ta­ges ver­sagte die Elek­tri­zi­tät im Haus. Da die Fa­mi­lie nicht da war, tru­gen die Dienst­mäd­chen die Ver­ant­wor­tung. Als Mut­ter und Toch­ter nach Hause ka­men, be­schimpf­ten sie die Schwes­tern, die in ei­nem Wut­an­fall Mut­ter und Toch­ter die Au­gen aus­kratz­ten und sie tö­te­ten. Dann ver­stüm­mel­ten sie die Lei­chen und ba­de­ten die eine im Blut der an­de­ren. Nach ge­ta­ner Ar­beit wu­schen sie ihre Werk­zeuge, nah­men ein Bad und leg­ten sich im Bett zur Ruhe mit den Wor­ten: ‚Da ha­ben wir uns aber was ge­leis­tet!‘
Die Schwes­tern wa­ren im­mer un­zer­trenn­lich ge­we­sen, selbst in ih­ren Fe­rien. Bei ih­rem Pro­zess wa­ren sie au­ßer­stande, ein Mo­tiv für ihr Ver­bre­chen zu nen­nen. Ihr ein­zi­ges In­ter­esse war, die Schande ge­mein­sam zu tra­gen. Nach fünf Mo­na­ten im Ge­fäng­nis, wäh­rend de­rer sie von ih­rer jün­ge­ren Schwes­ter ge­trennt war, brach Chris­tine zu­sam­men und ver­suchte, dies­mal sich selbst die Au­gen aus­zu­krat­zen. Als sie in eine Zwangs­ja­cke ge­steckt wurde, machte sie ob­szöne Ver­ren­kun­gen, dann fiel sie in Schwer­mut.
Nach­dem die bei­den Mäd­chen zur Guil­lo­tine ge­führt wur­den, sank Chris­tine auf die Knie.»

Von «Not­re­Dame-des-fleurs» (1944) und sei­ner stän­di­gen Kon­fron­ta­tion mit der Pro­ble­ma­tik des Tö­tens über «Le bal­con» (1957) mit der zen­tra­len In­ten­tion «Die Welt ist ein Bor­dell» bis hin zu der gi­gan­to­ma­nen, thea­tra­lisch nicht mehr zu be­wäl­ti­gen­den To­ten­tanz-Opu­lenz der «Pa­ra­vents» (1961) – Ge­net nannte diese seine «Wände» maß­los ver­nied­li­chend ein «Mär­chen­spiel», ein «Fest, ge­wid­met den Le­ben­den wie den To­ten» – durch­zieht da­bei das ge­samte um­fang­rei­che Ge­net-Oeu­vre eine om­ni­prä­sente Spur der ge­walt­sams­ten Ob­szö­ni­tät und der ob­ses­sivs­ten Miss­ach­tung al­ler ge­sell­schaft­lich de­ter­mi­nier­ten Mo­ra­li­tät. An­ders als etwa Henry Mil­ler, des­sen über­stei­gerte «li­te­ra­ri­sche Se­xua­li­tät» (zu­min­dest an­fäng­lich) ba­nalste mo­ne­täre Ur­sa­chen hatte, ist Ge­net der wahr­haft Be­ses­sene, der Bil­der-Jun­kie, der Apo­theo­ti­ker auch der phal­li­schen (prä­zi­ser: homo-ero­ti­schen) Vi­ri­li­tät, dem al­ler Un­ter­leib zu Kopf steigt. Jean Ge­net, das ist ein ein­zi­ger per­ma­nen­ter Tabu-Bruch, und das an Leib und Seele.
Zu­recht ist in der Ge­net-For­schung auf die nicht nur the­ma­ti­sche, son­dern auch sti­lis­ti­sche Par­al­le­li­tät Ge­nets zur eben­falls ba­rock-opu­len­ten Mons­trö­si­tät ei­nes sei­ner «Vor­gän­ger», näm­lich des Mar­quis de Sade hin­ge­wie­sen wor­den. Gleich wie bei je­nem – und wie­der an­ders als bei Mil­ler – kommt die Prosa, kom­men auch die Dra­men Ge­nets, bei all ih­rer per­vers-kri­mi­nel­len Nar­ra­tion, selt­sam re­flek­to­risch da­her, Dia­loge und Schil­de­run­gen sind sei­ten­weise ver­setzt mit quasi-phi­lo­so­phi­schen Ex­kur­sen – ir­ri­tie­rende Re­fle­xio­nen, wel­che die Sym­bo­lik ein­zel­ner Hand­lungs­stränge sel­ten er­klä­ren, meist viel­mehr vor­an­trei­ben. In zwang­haf­ter Fa­ta­li­tät brei­tet so fast je­des Ge­net-Werk je eine ei­gene wahr­li­che Äs­the­tik des Bö­sen aus – Der «Querelle»-Verfilmer Rai­ner Wer­ner Fass­bin­der nennt das 1982 den «Pakt mit dem Teu­fel» -, die des­il­lu­sio­nie­rende Ana­lyse mensch­li­chen Zu­sam­men­le­bens wird zur buch­stäb­li­chen Sprach-Ge­walt. In ei­nem Ge­schwis­ter-Dia­log der «Zo­fen» wird das ex­em­pla­risch im Hin­blick auf mensch­li­che Bin­dun­gen for­mu­liert: «Ich möchte dir hel­fen. Ich möchte dich trös­ten, aber ich weiß, ich ekle dich an. Ich stoße dich ab. Ich weiß es, weil du mich an­ekelst. Liebe in Knecht­schaft ist keine Liebe.»

Die Genet-Freunde Picasso und Cocteau (1955 bei einer Corrida)
Die Ge­net-Freunde Pi­casso und Coc­teau (1955 bei ei­ner Cor­rida)

Zwar sind die «Zo­fen» in ih­rer psy­cho­pa­thi­schen In­di­vi­du­al­sphäre ein Drei-Per­so­nen-Bin­nen­stück, aber de­ren un­ent­rinn­bar ver­stri­cken­der Iden­ti­täts-Zwie­spalt, ei­nes der gro­ßen Leit-Mo­tive Ge­nets, hat Ge­net sel­ber hoch­trans­po­niert in seine ei­gene, post-li­te­ra­ri­sche Le­bens-Phase, da er sich vor­nehm­lich als po­li­ti­scher Ak­ti­vist be­tä­tigte: Als Viet­nam­krieg-Geg­ner, aber auch als RAF-Sym­pa­thi­sant; als Ara­fat-Freund im pa­läs­ti­nen­i­schen Frei­heits­kampf, aber auch – welt­weit kri­ti­siert – als «ein­fühl­sa­mer» Ver­ste­her des «Dich­ters» Hit­ler, über den er (nur ein Jahr nach dem Zwei­ten Welt­krieg!) schreibt: «Dich­ter, der er war, ver­stand er, sich des Bö­sen zu be­die­nen. Er zer­störte um der Zer­stö­rung wil­len, er tö­tete, um zu tö­ten.» Und: «Der Füh­rer schickte seine schöns­ten Män­ner in den Tod. Das war die ein­zige Mög­lich­keit, die er hatte, um sie alle zu be­sit­zen.»

Entindividualisierung bis zur existenziellen Nackheit

Hier wird noch beim spä­ten Ge­net ein zwei­tes le­bens­lan­ges li­te­ra­ri­sches Mo­tiv die­ses Al­le­go­rien-Hym­ni­kers ver­stärkt auf den Punkt ge­bracht: Die Ent­in­di­vi­dua­li­sie­rung der Prot­ago­nis­ten, die am Ende ih­res Um­wand­lungs­pro­zes­ses nur noch als exis­ten­zi­elle Nackt­hei­ten vor­han­den sind – als «In­sze­nie­rung ih­rer äu­ßer­li­chen Form», wie es die Ge­net-Ana­ly­ti­ke­rin Mi­chaela Wünsch ein­mal for­mu­lierte.

Wie fast alle seine Stü­cke wurde «Die Zo­fen» – der Dra­men-Erst­ling Ge­nets – vom scho­ckier­ten zeit­ge­nös­si­schen Thea­ter-Pu­bli­kum nicht ver­stan­den, son­dern boy­kot­tiert, die Erst­auf­füh­rung ge­riet zum De­sas­ter, auch für den Re­gis­seur Louis Jou­vet. Noch war die Zeit 1947 nicht reif für ei­nen Jean Ge­net – nicht für den Hei­li­gen, und nicht für den Sün­der. ■

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