Walter Ehrismann: An der Bar (Anthologie)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 5 Minu­ten

Sensation der Alltäglichkeit

von Wal­ter Eigenmann

Wenn man sich als Leser, quasi zur Ouver­türe, etwas kun­dig macht über einen Autor, des­sen neu­es­tes Buch auf­zu­schla­gen man im Begriffe ist, und dabei erfährt, dass er einst als Gestal­tungs-Künst­ler begann, nach dem Stu­dium lange als Sekun­dar­leh­rer in der Päd­ago­gik wirkte, seit 42 Jah­ren eines schwe­ren Unfalls wegen im Roll­stuhl arbei­tet, heute als Ehe­mann und Vater zweier Kin­der im schwei­ze­ri­schen Urdorf lebt, in all den Jah­ren zahl­rei­che klei­nere und grös­sere Text-Samm­lun­gen publi­zierte, doch gleich­zei­tig sein bild­ne­ri­sches und gra­phi­sches Arbei­ten zu hoher, öffent­lich viel­fach gewür­dig­ter künst­le­ri­scher Reife vor­an­trieb, – wenn man sich eine sol­che Fülle von Lebens­er­fah­rung und -arbeit hin­ter einem Autoren-Namen vor­stel­len muss, dann klappt man das betref­fende Buch erwar­tungs­vol­ler auf als irgend eines. Dann hat einem einer was zu sagen.

Blick in eine andere Erscheinungsebene

Walter Ehrismann: "An der Bar" und andere TexteDes Zür­cher Kunst­dru­ckers, Malers und Schrift­stel­lers Wal­ter Ehris­manns „An der Bar (und andere Texte)“ sagt es in Form von 14 Kurz­ge­schich­ten. Und zwar so, dass man bei ihrer Lek­türe zwi­schen jeder ein paar Stun­den Pause bräuchte. Nicht des­we­gen, weil sie beson­ders kom­pli­ziert oder intel­lek­tu­ell, hoch­ste­hend meta­pho­risch oder reflek­tie­rend, gar ana­ly­tisch daher­kä­men. Auch sti­lis­tisch geben sich diese Kür­zes­ter­zäh­lun­gen alle­samt – von einem bil­den­den Künst­ler über­ra­schend – betont unar­ti­fi­zi­ell, ja schlicht; nicht wirk­lich exo­tisch sind ebenso Hand­lun­gen und Gescheh­nisse, auch wenn durch­aus mal ihre Orte ein wenig Fern-Kolo­rit aus dem por­tu­gie­si­schem Bra­ganca, dem rus­si­schen St. Peters­burg, dem anda­lu­si­schen Cor­doba oder dem grie­chi­schen Aigina reinmischen.
Nein, das „Pro­gramm“, das Ehris­manns 14 „Bar“-Texte „im Inners­ten“ zusam­men­hält, ist viel­mehr jenes, das am Ende der wald-mythi­schen Geschichte „Wild Wech­sel“ resü­miert: „Wie auf dün­nem Glas wan­delnd, taten wir einen Blick in eine andere Erschei­nungs­ebene, wären da bei­nahe ein­ge­bro­chen, unver­mit­telt…“ Unspek­ta­ku­lär, schier tro­cken, abso­lut unauf­ge­regt, ziem­lich sel­ten gar mit einem Humor-Zwin­kern wird da – ja: Sen­sa­tio­nel­les aus­ge­brei­tet. Die Sen­sa­tion des Augen­blicks. Ehris­mann photo-gra­phiert schrei­bend „ein­fa­che“, durch­aus „all­täg­li­che“ Zustände. Merk-wür­dige Zustände, allerdings.

Literarisch fokussierte Momentaufnahmen

Dies lässt sich an kei­nem der 14 Stü­cke bes­ser bele­gen als an dem Dut­zend Zei­len der Mini-Story „Oben in St. Petersburg“:

Der Sol­dat sitzt an einer der Kanal­brü­cken. Eine
Neben­strasse kreuzt hier den Newskij-Prospekt.
Die Uni­form­ja­cke ist ver­schwitzt. Er raucht Zigaretten.
Lust­los schaut er den Vor­über­ge­hen­den nach. Die schräg
ein­fal­lende Abend­sonne spie­gelt matt im Sei­ten­blech des
Roll­stuhls. Die Bein­stümpfe sind mit einer Wolldecke
kaschiert. Seine Mütze liegt im Schoss.
Aus der Menge löst sich eine junge Frau. Sie geht zu
ihm hin. Sie nimmt sei­nen Ober­kör­per in die Arme. Sie
wiegt ihn leicht wie ein Kind. Dann legt sie einen
Geld­schein in die Mütze und ent­fernt sich. Er dreht den
Kopf nach ihr, ent­blösst jetzt sein ent­stell­tes Gesicht.

Gleich­gül­tig, ob nun der Roll­stuhl – er fin­det in die­sen Geschich­ten öfters Erwäh­nung – als Par­al­lele zur Autoren-Bio­gra­phie zufäl­lig ist oder nicht: Der krea­tive Blick des Malers und Gra­phi­kers fin­det und hält schrei­bend fest, was der all­täg­li­che Zufall her­lei­tet, und der Dich­ter malt es als lite­ra­risch fokus­sierte Momentaufnahmen.

Verdeutlichung von Spuren

Oder umge­kehrt? Jeden­falls beschreibt der Gesamt-Künst­ler Ehris­mann die­ses sein ver­schränk­tes Arbei­ten fol­gen­der­mas­sen (auf sei­ner Inter­net-Site anhand sei­ner Druck-Radierungen):
„Ich lege die Plat­ten vor mich hin, taste sie lange mit Hän­den und Augen ab. Wo ich ‚hän­gen­bleibe‘, ver­weile ich, ori­en­tiere mich, suche Ver­bin­dun­gen zu ande­ren Stel­len. Mit ver­schie­de­nen Werk­zeu­gen […] ver­deut­li­che ich die Spu­ren und weite sie aus zu einem Lini­en­ge­spinst, in des­sen Ver­läufe Bün­de­lun­gen, Strah­len und Mul­den sich zum Bild­netz verdichten.“
Walter EhrismannDies „Zum Bild­netz ver­dich­ten“ ist jeder die­ser „Bar“-Short-Stories eigen, es sind – wie natür­lich alle guten Kurz-Geschich­ten – Kon­zen­trate, die bis in die ein­zel­nen Wör­ter hin­ein „aufs Höhere“ ver­wei­sen. Bei Ehris­mann liest sich das – in der Geschichte „Die Sit­zende“, wo als Kind­heits-Erin­ne­rung der kleine Wal­ter an einem Zür­cher Fluss-Quai auf der Bronze-Sta­tue einer nack­ten Sit­zen­den rum­turnt – bei­spiels­weise so: „Mit der Zeit fühlt sich Bronze kalt an. Und da ich eh pin­keln musste, rutschte ich auf den küh­len Frau­en­schen­keln nach hin­ten, ver­lor die Balance und schlug leicht mit dem Kopf in ihrem Schosse auf. Ich blieb für eine kurze Weile benom­men zwi­schen ihren Bei­nen lie­gen. Dann wurde meine Hose feucht.“ Welt und Kunst als Gegen­stand der Erfah­rung, nicht der Refle­xion. Respekt­lo­sig­keit auch gegen­über dem „Wich­tig-Vor­der­grün­di­gen“ zuguns­ten der ver­steck­ten Lap­pa­lie, die unver­hofft zur Essenz eines Lebens gerinnt.

Mit kalkuliertem Weglassen zum Wesentlichen

Walter Ehrismann: "Zärtliche Gesänge 1", Litho-Öltempera 2001
Wal­ter Ehris­mann: „Zärt­li­che Gesänge 1“, Litho-Öltem­pera 2001

Über­haupt ist der Schrift­stel­ler Wal­ter Ehris­mann nicht wirk­lich ein Erzäh­ler. Das Erfun­dene in die­ser 128-sei­ti­gen Texte-Samm­lung wäre schnell gelis­tet. Ehris­mann ist viel­mehr Ste­no­graph. Ein Kurz-Doku­men­ta­rist von belang­lo­sen Momen­ten, in denen für einen win­zi­gen Augen­blick das ganze Phä­no­men „Dasein“ je zusam­men­schiesst. Die kal­ku­lier­ten Weg­las­sun­gen durch den Autor sind das eigent­lich Wich­tige in die­sen „Bar“-Texten, ihr Lesen muss Nach-Dich­ten wer­den. „An der Bar (und andere Texte)“ han­delt vom Mikro­kos­mos des Lachens und Wei­nens über dies und das.
Oder wie es der Autor sei­nen „Jun­gen Mann“ in der letz­ten Geschichte, als Rück­blick auf einen Unfall mit anschlies­sen­der Schä­del-Ope­ra­tion, und in den letz­ten Sät­zen des gan­zen Buches quasi in einem kleins­ten Anfall von Phi­lo­so­phisch-Theo­re­ti­schem, sagen lässt: „Wenn ich mir aus Ver­le­gen­heit, weil etwas Wich­ti­ges ver­ges­sen ging, an den Kopf greife, spüre ich die Löcher links und rechts hin­ter der Schläfe, die die Schrau­ben in der Schä­del­wand hin­ter­las­sen haben. Natür­lich sind die Wun­den längst ver­heilt, doch wenn ich die Dau­men in die Del­len drü­cke, weiss ich, sie sind noch da, doch sie tun nicht mehr weh. Und dann lange ich wie­der und wie­der hin in der Gewiss­heit, die­sen Teil des Dra­mas über­lebt zu haben. Die Angst und die Beklem­mung damals, sie wür­den mir die Metall­stifte quer durch den Schä­del trei­ben, hat einem mil­den nes­troy­schen Lächeln Platz gemacht, des­il­lu­sio­niert zwar und in gros­ser Skep­sis gegen­über allem mensch­li­chen Ver­hal­ten, auch gegen­über gesell­schaft­li­chen und mora­li­schen Zwän­gen oder plum­per Ange­be­rei, aber erfüllt von tie­fer Liebe für unsere Schwä­chen – über­zeugt von der rai­son d’être, vom Sinn des Lebens.“
Vor genau zehn Jah­ren begann der Pro­sa­ist Ehris­mann mit sei­ner „Durch­sicht der Dinge“; 2005 dann seine „Texte in den Wind“ (Deutsch/Spanisch), und nun der vor­läu­fige Höhe­punkt mit „An der Bar“. Ein­drück­li­cher hätte sich der Dich­ter neben dem Maler nicht als bedeut­same lite­ra­ri­sche Stimme in der Schweiz zurück­mel­den können. ♦

Wal­ter Ehris­mann, An der Bar (und andere Texte), 14 Kurz­ge­schich­ten, Edi­tion Howeg, 128 Sei­ten, ISBN 978-3-85736-247-7

Lesen Sie im Glarean Maga­zin auch den Essay von
Wal­ter Ehris­mann: Medi­ta­tion über „Grande Arlequinade“
… sowie zum Thema Doku-Kurz­prosa von
aus­ser­dem im GLAREAN zum Thema Spra­che und Lite­ra­tur über
Ruprecht Skasa-weiss: Wei­tere fünf Minu­ten Duetsch

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