Herbert Friedmann: Im Literaturhaus (Satire)

Im Literaturhaus

Her­bert Fried­mann

Der Abend däm­merte, als sich die Be­woh­ner des Li­te­ra­tur­hau­ses im Ge­mein­schafts­raum ver­sam­mel­ten und ihr Schick­sal be­klag­ten.
«Mir wurde ganz übel mit­ge­spielt», jam­merte ein vier­zei­li­ges Ge­dicht. «Je­der Deutsch­leh­rer maßte sich an, auf mei­nen zar­ten Vers­fü­ßen her­um­zu­tram­peln.»
«Was soll ich erst sa­gen!» pol­terte ein zeit­ge­nös­si­scher Ro­man. Mit ei­nem Schmerz­ge­sicht deu­tete er auf die vie­len Nar­ben – kaum ver­heilte Wun­den, die ihm scharf­zün­gige Kri­ti­ker zu­ge­fügt hat­ten. Das Vier­zei­len-Ge­dicht grinste, denn es mochte die Prosa nicht.
«Ly­ri­ker», brummte der Ro­man dar­auf­hin ver­ächt­lich.
«Schaut mich an», flö­tete die Idee, «seht nur, was mein Au­tor mit mir an­ge­stellt hat.» Alle blick­ten zu der win­zi­gen Idee, die in der Tat Mit­leid ver­diente: Ein Dreh­buch­schrei­ber hatte sie rück­sichts­los zu ei­nem Vor­abend­fül­ler aus­ge­walzt.
«Ja, schreck­lich», seufzte eine blei­che Er­zäh­lung. «Aber dich hat die Öf­fent­lich­keit we­nigs­tens wahr­ge­nom­men, mich da­ge­gen schwei­gen die Re­zen­sen­ten schon ihm zehn­ten Jahr mei­nes Er­schei­nens tot.»
«Und ich erst, und ich erst!» nölte ein so­zi­al­kri­ti­sches Ju­gend­buch. «Mich hat man in den Schu­len als Aus­hilfs­päd­agoge miss­braucht…»
«Aus mir hätte ein Klas­si­ker wer­den kön­nen», quakte ein Dra­ma­ti­scher Ein­ak­ter da­zwi­schen.
«Nicht schon wie­der!» stöhnte das Vier­zei­len-Ge­dicht. «Wir wis­sen, dass du bei­nahe ei­nen Preis be­kom­men hät­test, wenn dein Re­gis­seur nicht…»
Es pochte zag­haft ge­gen die Tür. Der zeit­ge­nös­si­sche Ro­man öff­nete. Eine kleine Sa­tire blieb ver­schüch­tert in der Tür ste­hen.
«Darf ich bei euch blei­ben?» nu­schelte sie. «Ein Fern­seh­re­dak­teur hat mir ge­rade alle Zähne ge­zo­gen!» ■


Herbert FriedmannHer­bert Fried­mann
Geb. 1951 in Groß-Gerau/D, Lehre als Ein­zel­han­dels­kauf­mann, zahl­rei­che Buch-Ver­öf­fent­li­chun­gen (Kin­der- und Ju­gend-Bü­cher, Ly­rik, Thea­ter­stü­cke, Hör­spiele), Trä­ger ver­schie­de­ner Li­te­ra­tur­preise und Sti­pen­diate, lebt seit 1977 als freier Au­tor in Darmstadt/D

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