Stefan Schmitzer: Vier Schuss (Erzählung)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 3 Minu­ten

Schreiben im Staccato

von Walter Eigenmann

Am Anfang ist eine Num­mer, die Num­mer 75. Nur eine von vie­len Häft­lings­num­mern – in einem Lager, des­sen Insas­sen allein wegen Lügens draht­stran­gu­liert wer­den. Aber sonst: „die arbeit ist nicht zu hart. nicht ein­mal, dass einen die wäch­ter trei­ben, wenn man kurz ver­schnauft…“ Und immer­hin: Keine Frei­heit, aber sta­bi­li­sie­rende Rou­tine. Sogar ein offe­nes Feuer im Mitt­tel­gang der Bara­cke ist mög­lich, und man gönnt sich abends etwas Bob Dylan bei Tabak und Pökel­fleisch… Es lässt sich also gerade so eben aus­hal­ten, die­ses Leben als num­me­rier­ter Ver­bre­cher unter vie­len ande­ren anony­men Num­mern – auch wenn 75 inzwi­schen ver­ges­sen hat, warum er Sträf­ling ist. Und wie er heisst. Und wie er über­haupt vor­her war und lebte.
Eines Tages kriegt 75 eine Pis­tole mit genau vier Schuss Muni­tion in die Fin­ger. Man beschliesst den Aus­bruch. Die Flucht gelingt – aber nicht die Freiheit…

Ich-Entgrenzung bis zum Identitätsverlust

Stefan Schmitzer: Vier Schuss - Erzählung (Leykam Buchverlag)vier schuss“ von Ste­fan Schmit­zer hat mit ande­ren Erzäh­lun­gen und Roma­nen zum Lager-Flucht-Trau­mata die Düs­ter­nis des Sze­na­ri­ums, die psy­cho­lo­gi­sche Bedro­hung sol­cher exis­ten­zi­el­len (Todes-)Erfahrung, die Ich-Ent­gren­zung bis zum tota­len Iden­ti­täts­ver­lust gemein­sam. Auch die para­no­ide Optik des um seine Ver­gan­gen­heit betro­ge­nen Prot­ago­nis­ten, vom Gesche­hen in und um ihn zu einem gera­dezu kaf­ka­es­ken Innen­le­ben getrie­ben, weil Schuld und Sühne ohne erin­nerte Bio­gra­phie schei­tern muss, ist so neu nicht.
Was aber die­ser Debüt-Kurz­prosa des 28 Jahre jun­gen Gra­zers ein beson­de­res Fas­zi­no­sum hin­zu­fügt, ist ihre Spra­che. Schmit­zer schreibt, als schiesse er. Ein seman­ti­sches Stac­cato des geziel­ten Pfei­lens, der wohl­do­sier­ten Kugel, kal­ku­liert gesetzt, häu­fig im Ein- bis Drei-Worte-Rhyth­mus, mit höchs­ter Prä­zi­sion tref­fend, die Hand­lung vor sich her peit­schend, als flüchte nicht nur Num­mer 75, son­dern flüch­te­ten auch die Wör­ter: „atem, über­hol­spur. schat­ten­li­nien. abrupt ande­rer ton­fall von ihr. nicht genau spie­le­risch. als wollte sie etwas wett­ma­chen, denkt der flücht­ling, aber viel­leicht ist das auch nur er. alles so ungewohnt.“

Übereinstimmung des literarischen Gegenstandes mit seiner Sprachform

Wenn Über­ein­stim­mung von lite­ra­ri­schem Gegen­stand mit der sprach­li­chen Form Qua­li­täts­merk­mal ist, dann ist „vier schuss“ von erle­sens­ter Qua­li­tät. Und es ist unmög­lich Zufall, dass diese Prosa von einem Lyri­ker stammt – nur dass sie zwar hoch arti­fi­zi­ell ist, aber alles Äthe­ri­sche, Bild­hafte, Ver­wei­sende ver­bannt. Und statt­des­sen ein Voka­bu­lar instal­liert, wel­ches den Leser mit der unwi­der­steh­li­chen Kraft des Fak­ti­schen von Punkt zu Punkt schwemmt – atem­los trei­bende Klein­schrei­bung inklu­sive. „vier schuss“ ist ein Psycho-Ste­no­gramm von sel­te­ner Ein­dring­lich­keit. Und dem Ver­lag kommt das Ver­dienst zu, einen wirk­lich inter­es­san­ten neuen Pro­sa­is­ten ins Licht der Buch­welt geholt zu haben. Man ist gespannt dar­auf, wie die­ser Autor mit grös­se­ren For­men umge­hen wird. ♦

Ste­fan Schmit­zer: vier schuss, Erzäh­lung, Ley­kam Ver­lag, 96 Sei­ten, ISBN 370117590X

Lesen Sie im Glarean Maga­zin auch über die Erzäh­lun­gen von Gisela Els­ner: Zerreissproben

… sowie über die neue Prosa-Samm­lung der Lite­ra­tur-Nobel­preis­trä­ge­rin Herta Mül­ler: Niederungen

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