Stefan Schmitzer: Vier Schuss (Erzählung)

Schreiben im Staccato

von Wal­ter Ei­gen­mann

Stefan Schmitzer: Vier Schuss - Erzählung (Leykam Verlag)Am An­fang ist eine Num­mer, die Num­mer 75. Nur eine von vie­len Häft­lings­num­mern – in ei­nem La­ger, des­sen In­sa­ßen al­lein we­gen Lü­gens draht­stran­gu­liert wer­den. Aber sonst: «die ar­beit ist nicht zu hart. nicht ein­mal, dass ei­nen die wäch­ter trei­ben, wenn man kurz ver­schnauft…» Und im­mer­hin: Keine Frei­heit, aber sta­bi­li­sie­rende Rou­tine. So­gar ein of­fe­nes Feuer im Mitt­tel­gang der Ba­ra­cke ist mög­lich, und man gönnt sich abends et­was Bob Dy­lan bei Ta­bak und Pö­kel­fleisch… Es lässt sich also ge­rade so eben aus­hal­ten, die­ses Le­ben als num­me­rier­ter Ver­bre­cher un­ter vie­len an­de­ren an­ony­men Num­mern – auch wenn 75 in­zwi­schen ver­ges­sen hat, warum er Sträf­ling ist. Und wie er heißt. Und wie er über­haupt vor­her war und lebte.
Ei­nes Ta­ges kriegt 75 eine Pis­tole mit ge­nau vier Schuss Mu­ni­tion in die Fin­ger. Man be­schließt den Aus­bruch. Die Flucht ge­lingt – aber nicht die Frei­heit…

Ich-Entgrenzung bis zum Identitätsverlust

«vier schuss» von Ste­fan Schmit­zer hat mit an­de­ren Er­zäh­lun­gen und Ro­ma­nen zum La­ger-Flucht-Trau­mata die Düs­ter­nis des Sze­na­ri­ums, die psy­cho­lo­gi­sche Be­dro­hung sol­cher exis­ten­zi­el­len (Todes-)Erfahrung, die Ich-Ent­gren­zung bis zum to­ta­len Iden­ti­täts­ver­lust ge­mein­sam. Auch die pa­ra­noide Op­tik des um seine Ver­gan­gen­heit be­tro­ge­nen Prot­ago­nis­ten, vom Ge­sche­hen in und um ihn zu ei­nem ge­ra­dezu kaf­ka­es­ken In­nen­le­ben ge­trie­ben, weil Schuld und Sühne ohne er­in­nerte Bio­gra­phie schei­tern muss, ist so neu nicht.
Was aber die­ser De­büt-Kurz­prosa des 28 Jahre jun­gen Gra­zers ein be­son­de­res Fas­zi­no­sum hin­zu­fügt, ist ihre Spra­che. Schmit­zer schreibt, als schieße er. Ein se­man­ti­sches Stac­cato des ge­ziel­ten Pfei­lens, der wohl­do­sier­ten Ku­gel, kal­ku­liert ge­setzt, häu­fig im Ein- bis Drei-Worte-Rhyth­mus, mit höchs­ter Prä­zi­sion tref­fend, die Hand­lung vor sich her peit­schend, als flüchte nicht nur Num­mer 75, son­dern flüch­te­ten auch die Wör­ter: «atem, über­hol­spur. schat­ten­li­nien. ab­rupt an­de­rer ton­fall von ihr. nicht ge­nau spie­le­risch. als wollte sie et­was wett­ma­chen, denkt der flücht­ling, aber viel­leicht ist das auch nur er. al­les so un­ge­wohnt.»

Übereinstimmung des literarischen Gegenstandes mit seiner Sprachform

Wenn Über­ein­stim­mung von li­te­ra­ri­schem Ge­gen­stand mit der sprach­li­chen Form Qua­li­täts­merk­mal ist, dann ist «vier schuss» von er­le­sens­ter Qua­li­tät. Und es ist un­mög­lich Zu­fall, dass diese Prosa von ei­nem Ly­ri­ker stammt – nur dass sie zwar hoch ar­ti­fi­zi­ell ist, aber al­les Äthe­ri­sche, Bild­hafte, Ver­wei­sende ver­bannt. Und statt­des­sen ein Vo­ka­bu­lar in­stal­liert, wel­ches den Le­ser mit der un­wi­der­steh­li­chen Kraft des Fak­ti­schen von Punkt zu Punkt schwemmt – atem­los trei­bende Klein­schrei­bung in­klu­sive. «vier schuss» ist ein Psy­cho-Ste­no­gramm von sel­te­ner Ein­dring­lich­keit. Und dem Ver­lag kommt das Ver­dienst zu, ei­nen wirk­lich in­ter­es­san­ten neuen Pro­sais­ten ins Licht der Buch­welt ge­holt zu ha­ben. Man ist ge­spannt dar­auf, wie die­ser Au­tor mit grö­ße­ren For­men um­ge­hen wird. ■

Ste­fan Schmit­zer: vier schuss, Er­zäh­lung, Ley­kam Ver­lag, 96 Sei­ten, ISBN 370117590X

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