Walter Eigenmann: Über die Satire (Notiz)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 3 Minu­ten

Gegen die „Wahrheit“

von Wal­ter Eigenmann

Es mag schon sein, dass unse­rer ver-rück­ten, un-sin­ni­gen Welt alleine noch – wie pro­fes­sio­nelle Zyni­ker behaup­ten – ent­we­der mit Krie­gen oder dann mit Iro­nie bei­zu­kom­men ist. Auch sei dem Resi­gnie­ren­den in Got­tes Namen der unpro­duk­tive Trost gelas­sen, dass blos­ses Geläch­ter über Dumm­heit manch­mal siegt. Und jene schliess­lich, die dem Gesche­hen um sich herum ohne­hin nur als Gaudi-Kon­su­men­ten bei­zu­woh­nen pfle­gen, mögen ruhig dabei blei­ben; das Welt­thea­ter kann auf sie als Claque nicht verzichten…
Jeden­falls aber steht eines grund­sätz­lich fest, spä­tes­tens seit den Tagen des Römers Juve­nal: „Dif­fi­cile est sati­ram non scribere“.

Was ist Satire?

Juvenal - Altrömischer Satiriker - Glarean Magazin
Der römi­sche Sati­ri­ker Juve­nal (1./2. Jh.): „Dif­fi­cile est saturam non scri­bere“ („Es ist schwie­rig, keine Satire zu schreiben“)

Dabei ist so ein­deu­tig nicht, was eine Satire denn sei. Die Lite­ra­tur­theo­re­ti­ker zum Bei­spiel – wir müs­sen sie wohl ernst neh­men – schwei­gen sich (je nach­dem über viele hun­dert Sei­ten hin­weg) dar­über aus, wel­che unver­zicht­ba­ren Text-Ingre­di­en­zien ein Pro­sa­stück erst zur Satire mache. Gewiss: Sati­ren spot­ten fast immer, Sati­ren kari­kie­ren meis­tens, Sati­ren kri­ti­sie­ren oft, Sati­ren ver­höh­nen manch­mal, Sati­ren wol­len hie und da auf­rüt­teln, ganz sel­ten beleh­ren sie sogar, und nie bil­den sie ein­fach nur ab. Aber die Satire?
Ande­rer­seits: die Aus­strah­lungs­kraft (und damit auch Qua­li­tät) eines sati­ri­schen Tex­tes hängt auch, aber nicht vor allem von sei­nen for­ma­l­äs­the­ti­schen oder inhalts­theo­re­ti­schen Kom­po­nen­ten ab. Das ver­zwei­felte Bemü­hen um eine gat­tungs­spe­zi­fi­sche Kata­lo­gi­sie­rung lite­ra­tur­his­to­risch greif­ba­rer Sati­ren gäbe sei­ner­seits idea­len Satire-Stoff her.


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In medias res - 222 Aphorismen - Cover 2015 - Walter EigenmannIn medias res“ – das sind 222 Apho­ris­men des Schwei­zer Lite­ra­ten, Musi­kers und Publi­zis­ten Wal­ter Eigen­mann (geb. 1956), die in den Jah­ren 1981 bis 1991 ent­stan­den sind und wit­zige Frech­hei­ten, sati­ri­sche Bos­hei­ten, humor­volle Weis­hei­ten und komi­sche Wahr­hei­ten über und wider alle Berei­che des Mensch­li­chen, Kul­tu­rel­len und Poli­ti­schen ent­hal­ten. Ein geist­rei­ches Pan­op­ti­kum bos­haf­ter Poin­ten und geschlif­fe­ner Sti­che­leien, die „mit­ten hin­ein“ gegen alle mensch­li­chen Eitel­kei­ten anschrei­ben – ganz dem Drang jeg­li­cher Auf­klä­rer ver­pflich­tet (Zitat): „Sati­ri­ker sind Pyro­ma­nen: Dau­ernd müs­sen sie andern das Brett vor dem Kopf anzünden“.

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Könnte denn womög­lich sein, dass die Satire recht eigent­lich erst beim Lesen, beim Leser ent­steht, dass sie wesent­lich auf die intel­lek­tu­elle Befind­lich­keit, Emp­fäng­lich­keit, vor allem aber Emp­find­lich­keit abstellt? Wie alle gute Lite­ra­tur also? Nur mit dem Unter­schied, dass vom Publi­kum noch ein Quänt­chen mehr an Auf­ge­klärt­heit und Intel­li­genz, Refle­xion und Abs­trak­ti­ons­ver­mö­gen, doch auch an Ver­letz­bar­keit und Wut auf­ge­bo­ten wer­den muss, als dies bei ande­ren lite­ra­ri­schen Aus­prä­gun­gen der Fall sein mag?

Sakrilegien – mit sprachlicher Raffinesse

Unun­ter­bro­chen bege­hen Sati­ri­ker Sakri­le­gien, und gute Sati­ri­ker tun das mit sprach­li­cher Raf­fi­nesse: Gegen „Gott und die Welt“, gegen „Haus und Hof“, gegen „Gedan­ken und Taten“, gegen „König und Vater­land“, gegen „Kon­ven­tio­nen und Insti­tu­tio­nen“, gegen…
Zum Arse­nal die­ses Gegen-Kamp­fes (den Leser her­aus­fin­den zu las­sen, wofür der Sati­ri­ker kämpft, ist übri­gens ein wei­te­res Merk­mal der Satire, ihr mora­li­scher Stand­punkt ist vom Leser zu eru­ie­ren) gehö­ren die (manch­mal sanfte, meist hämi­sche) Iro­nie, die Über­trei­bung, die Ver­zer­rung, der Spott in all sei­nen ver­nich­ten­den Schat­tie­run­gen. Aber auch das hoff­nungs­voll-resi­gnierte Über­zeich­nen jener krea­tür­li­chen Eigen­schaf­ten, die das in der Natur ein­zig­ar­tig defi­zi­täre Man­gel­we­sen Mensch konstituieren.
Die vor­der­grün­dige Destruk­ti­vi­tät der Satire erwächst also aus der Ein­sicht (und des­halb Not­wen­dig­keit), dort ent­lar­ven zu müs­sen, wo Kon­sens mit com­mon sense ver­wech­selt wird. Gute Sati­ren sind per defi­ni­tio­nem immens poli­tisch – auch dort, wo sie indi­vi­du­el­les Ver­sa­gen als das Pro­dukt kol­lek­ti­ven Funk­tio­nie­rens fokus­sie­ren. Der Sati­ri­ker schreibt gegen die „Wahr­heit“ an. ♦

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