Schach-Glosse von Reinhard Scharnagl

Elo- oder Computer-Schach?

von Reinhard Scharnagl

In den Anfängen einer Computerschach-Euphorie, als es noch in Kaufhäusern bestaunte Schachcomputer gab (Bild: Der «Chess Chellenger» von Fidelity, eines der ersten Tischgeräte überhaupt), investierten faszinierte Fans kleine Vermögen in solche Geräte und ließen sie Gladiatoren gleich gegeneinander antreten – im sicheren Wissen, dass sie danach stets wieder unverletzt für eine nächste Partie bereit stünden.

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Wie haben sich die Zeiten geändert! Eigentlich beachtet man heute nur noch gerätelose Programme. Bei denen fällt ein Beiseite-Schieben auch nicht mehr so auf, wie wenn ausgemusterte Tischgeräte in eine Ecke gestellt wurden. Mühevoll von Hand durchgeführte Tests gegen Mitbewerber tut man sich nun nicht mehr an. Man lässt in automatisierten Turnieren die Engines (= der rechnende, «denkende» Teil eines Schachprogrammes) gegeneinander antreten. Es interessiert allein nur noch das Elo-Ranking und die Anzahl dazu gespielter Partien, am besten also Blitz (= max. 5 Min./Spieler). Wozu sich die Partien überhaupt anschauen?

In Maschinenräumen von Online-Servern werden Top-Computer aufeinander losgelassen wie arabische Rennkamele. Dass zwei Drittel dort identische Programme verwenden, ist ohne Belang. Man kennt sich aber dafür aus mit Hardwaretuning, Wenigsteiner-Tabellen und optimalen Betriebssystemen. Das Antwortzeitverhalten einer DSL-Verbindung wird optimiert, die dann trotzdem beim drohenden Verlust der Remis-Breite mitunter rechtzeitig zum Zusammenbrechen «motiviert» wird. Ich habe so meine Vorstellungen, was solche Stellvertreterkriege kompensieren sollen, aber etwas Positives scheint es nicht zu sein.

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ScreenShot einer typischen 3-Minuten-Blitz-Partie(…) im «Maschinenraum»
eines bekannten Online-Schach-Servers (mit zwei identischen Gegnern und
völlig irreführenden Elo-Zahlen…)

Die wirklichen Interessenten an der Entwicklung des Computerschachs sind zwischenzeitlich sehr rar geworden. Sich Partien zwischen Engines näher zu betrachten, welche nicht unter den Top 25 residieren, scheint völlig aus der Mode zu kommen. Gab es früher einmal Tester, die qualifiziert auf bestimmte Schwächen und Stärken entstehender Programme eingingen, so wird heute allein schon das Fehlen einer Standard-Protokoll Unterstützung wie des UCI zum K.o.-Kriterium. Man ist bequem geworden.

Eigengewächse an Schachprogrammen mit eigener GUI oder gar der Unterstützung von Varianten (z.B. Chess960) und anderen Brettgeometrien haben es so heute schwer, überhaupt noch auf Interesse zu stoßen. Doch wo sonst als jenseits ausgetretener Trampelpfade sind Neuerungen zu erwarten? Und: wer hofft überhaupt noch auf etwas Derartiges?

Nichts erscheint so interessant wie eine neue CPU, intelligenteres Caching, kompaktere Table-Bases oder der Erwerb einer aktuellen Nummer Eins der Ranking-Liste. Und all das hat mit Computerschach nicht das Mindeste zu tun… ■

Ein Kommentar zu „Schach-Glosse von Reinhard Scharnagl

  1. Lieber (schreibfauler) Reinhard!
    Danke und bravo für Deine Glosse! Wie wahr! Und es wächst meine Sehnsucht nach dem guten, schönen, alten Kaffehaus-Schach am Sonntagvormittag, ehe es dann Schweinsbraten mit Kraut und Knödel gibt! Gruß von uns an Euch alle!

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