«Offener Brief» des «Projekte Verlages Cornelius» an die Gegner von Druck-Kosten-Zuschuss-Verlagen

«Schluss mit der Hysterie und Intoleranz!»

Seit Jahrzehnten schon, eigentlich bereits seit dem 18. Jahrhundert, da sogar z.B. ein Goethe für das Veröffentlichen seiner Werke bezahlte, wird heftigst gestritten über das Für und Wider der sog. Druckkostenzuschuss-Verlage (auch Selbstzahler-Verlage, Autoren-Verlage, Dienstleistungs-Verlage, Bezahl-Verlage oder Pseudo-Verlage genannt). Gemeint sind Buch-Herstellungsfirmen, die ihre (zumeist belletristischen) Autoren zur Beteiligung an den Kosten der Erstauflage heranziehen und so das unternehmerische Risiko (in teils umfangreichem Maße) auf sie abwälzen.
Dieses Geschäft scheint mittlerweile kräftig zu florieren: allein im deutschsprachigen Europa sind flächendeckend Dutzende solcher Verlage tätig, und ihre Autoren- bzw. Kundschaft mag in die vielen Tausende gehen. Dagegen laufen, ebenfalls schon seit langem, zahlreiche Schriftsteller-Verbände und andere literarische Gruppierungen Sturm. Sie werfen derartigen Verlagen schamlose Abzocke vor, und mittlerweile kursieren sog. «Schwarze Listen», die konkret einzelne Firmen anprangern.
Jüngster Höhepunkt der längst auch mit juristischen Mitteln geführten Auseinandersetzung ist ein «Offener Brief» des Cornelius-Verlages Halle, der dieser Tage an zahlreiche journalistische und literarische Online- und-Print-Redaktionen verschickt wurde. Wir geben nachfolgend dies Schreiben ungekürzt wieder in der Hoffnung, sein Inhalt führe auch hier zu einer regen Pro-/Kontra-Diskussion (via untenstehende «Kommentar»-Funktion). Dabei danken wir allen Votanten schon jetzt für sachlichen Diskussionsstil! (Alle Verlinkungen stammen von der Redaktion – W.E. )

Verehrte Autoren und Autorinnen!
Verehrte Kollegen in den Verbänden, Medien und Literaturhäusern!

Das Maß für die Kampagne gegen die sogenannten Druckkostenzuschussverlage ist übervoll. Unser Brief richtet sich auch ganz konkret an die Vorstände einiger Verbände. Seit mehreren Jahren hetzen diese mit „Schwarzen Listen“ gegen Dienstleistungsverlage. Wir leben und arbeiten in einem solchen betroffenen Verlag, dem Projekte-Verlag Cornelius GmbH. Einerseits wird direkt oder auch indirekt eine Liste im Autorenforum Montsegur unterstützt, eine andere, nicht öffentliche Liste FAIRLAG sammelt Unterschriften von Autoren, Literaturhäusern und Autorenportalen gegen diese Verlage.
Zum Verständnis der „Schwarzen Liste“: Listen dieser Natur richten sich gegen Toleranz, Freiheit, Demokratie und auch den marktwirtschaftlichen Wettbewerb. Solche „Schwarze Listen“ werden fast ausschließlich von Diktaturen erstellt. Der Sinn der „Schwarzen Liste“ wendet sich ausnahmslos und vernichtend gegen die körperliche, soziale oder auch wirtschaftliche Existenz von Personen oder Einrichtungen.
Vor einigen Jahren schon versuchten verschiedene Autoren Buchveröffentlichungen eines Verlages in Frankfurt zu verhindern. Seit Jahren inszenieren diese Herren eine Hasskampagne gegen inzwischen über 60 Unternehmen im verbreitenden und herstellenden Literaturbetrieb. Hunderte „Spürnasen“, Fahnder, Gelegenheitskritiker, Möchtegern-Autoren beteiligen sich im Internet an einer weiteren Auflistung der von ihnen so genannten „Pseudo-Verlage“, die in Wahrheit oft Dienstleister sind, Druckereien betreiben, Buchbindereien und auch Verlage führen und betreiben. Diese Spürnasen beschimpfen die Verleger und Drucker als Kriminelle und Betrüger. Eine Chance, sich gegen diese Listen zu wehren gibt es nicht, da viele Hosts und Provider außerhalb der EU zu finden sind.
Es werden die Verlage beschimpft, unrechtmäßig zu handeln, doch die Unterschriften auf den Verträgen gehören zur Hälfte den Autoren. Tatsächlich unterschreiben Autoren Verträge (ein Vertrag über eine Versicherung ist komplizierter als ein Autorenvertrag), die ihnen schaden, doch beklagen sich danach nicht über ihre Unmündigkeit, sondern frönen als Frustrationsausgleich der Erstellung von „Schwarzen Listen“ – ohne Anflug von Selbstkritik.
Diese „Schwarzen Listen“ haben die Eigenschaft, die auch die Pest an sich hat. Sie greifen über ohne jedes Gebot, sie unterscheiden nicht, jeder kann die Seiten wechseln, egal ob er krank oder gesund ist. Man spricht einen Verdacht aus. Rühmt sich eines makabren Beweises einer Dienstleistungsfirma und stellt sich in die Reihe mit den Guten. Wir allein schon kennen mindestens zwanzig weitere, darunter auch bedeutende Verlage, die private Druckkostenzuschüsse (ohne Beteiligung der Öffentlichkeit) nehmen.
Alles wäre lächerlich, wenn es nicht hunderte gute Autoren aus Unkenntnis (wer will schon nicht fair sein?), Literaturhäuser sowie einige kleinere literarische Verbände und Autorenvereinigungen gäbe, die sich Auftritts-, Lese- und Medienverbote für andere, nichtorganisierte Autoren wünschen würden. Das haben „Schwarze Listen“ so an sich. Sie polarisieren und bevorzugen eine Gruppe.
Wir denken, die Kunst, und besonders die Literatur, hat dort keinen Raum mehr, wo es „Schwarze Listen“ gibt. In diesen Listen werden Verlage in ihrer Existenz bedroht. Es wird versucht Messeauftritte zu verhindern, Werbeschaltungen zu unterbinden und Berufsverbands- sowie Autorenauftrittsverbote werden gefordert.
Schaut man sich nur ein wenig um, so stellt man fest, dass sogar der überwiegende Teil der Autoren des PEN keinen Veröffentlicher mehr hat, der sie finanzieren könnte. Das Berufsbild des Autors ändert sich also rasch, aber eben auch das des Verlegers. Besonders in Deutschland aber hat es Historie, hysterisch und intolerant auf das Neue oder das Andere, nicht gleich Verständliche oder Verstehbare zu reagieren.
Die Auflagen werden immer kleiner, die Arbeit am Buch bleibt jedoch gleich. Wir haben Herrn Imre Törek mündlich und schriftlich eingeladen, sich die Arbeitsweise eines modernen Verlages anzusehen. Ihm schien, wie vielen anderen auch, die Umwandlung der analogen Druck-Systeme auf digitale Systeme verborgen geblieben zu sein. Diese Umwandlung stellt eine Weiterentwicklung dar, ähnlich der von der Kerze zur Glühbirne oder der von der Schreibmaschine zum Computer. Es hat eine gewaltige ökonomische und ökologische Umwandlung in der Buchproduktion und im Vertrieb von Büchern gegeben, ebenso im Umgang zwischen Verlegern und Autoren.
Doch das interessiert diesen Verbandsfunktionär nicht. Er strickt weiter an „Schwarzen Listen“, sei es aus Tradition oder aus einer uns unerfindlichen Borniertheit für das Wirkliche und Veränderliche in diesem Land. Darum: Schaffen Sie die „Schwarzen Listen“ ab! Sie sind unhygienisch für die Kultur und die Veränderungen im Autorenhandwerk in unserem Land, das wir lieben und wo jeder Mensch seine Chance haben darf.

8.August 2011, Halle/D: Reinhardt O. Cornelius-Hahn (Autor/Verleger), Joachim Schwarze (Autor/Verlagsmitarbeiter), Wilko Müller (Autor/Verlagsmitarbeiter)

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Kein Applaus für das Royal Philharmonic Orchestra

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Mozart-Sinfonik für Pflanzen?

Walter Eigenmann

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Meisterhafte Konzertmusik vor stummem Publikum: Kein Applaus für das Royal Philharmonic Orchestra

Die chronische Finanzknappheit heutiger Sinfonieorchester, auch berühmtester Ensembles treibt buchstäblich immer seltsamere Blüten. Einen Marketing-Gag der schrägsten Art ließen sich unlängst die englische Shopping-Kette QVC und das renommierte Royal Philharmonic Orchestra einfallen. Geschlagene drei Stunden lang konzertierte das Londoner Spitzenorchester unter der Leitung von Benjamin Pope vor einem stattlichen Auditorium von – Pflanzen! Denn QVC-Garden-Chief Richard Jackson und seine Werbeleute wollten gemäß einer Meldung von «NewsLite» prüfen, ob klassische Musik bzw. die Nachhallzeit von Schallwellen eventuell «die Protein-Produktion in Pflanzen stimulieren und dadurch das Wachstum verstärken» könnte. Und so kam eine über 100 Arten zählende Riesensammlung unterschiedlichsten Grünzeugs im altehrwürdigen RPO-Stammhaus «Cadogan Hall» in den Genuss zahlreicher Klassik-Hits, darunter viel Mozart-Sinfonik.
QVC-«Garten-Experte» Jackson im PR-Video (siehe via Bild-Mausklick) allen Ernstes (wenngleich nicht ohne Schmunzeln): «Wir wollten herausfinden, ob Pflanzen mit Klassik glücklicher sind und besser wachsen». Dirigent Pope seinerseits zu dem botanischen Konzert-Gag: «Bestimmt das duftigste Publikum, vor dem wir jemals gespielt haben. Es war allerdings leicht zermürbend, statt applaudierender Menschen nur viele Reihen gesenkter Köpfe zu sehen…»
Wie hoch des Orchesters Honorar für das Rezital ausgefallen ist, entzieht sich der Kenntnis des Berichterstatters; außerdem steht zu befürchten, dass keinerlei exakte naturwissenschaftliche Messwerte dieses «Experimentes» publik werden…  ●

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Neue Ergebnisse der Gehörsforschung

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Laute Kopfhörer-Musik ist schädlich

Die Feinabstimmung seines Gehörs beeinträchtigt erheblich, wer regelmäßig laute Musik via Kopfhörer hört. Denn das führt dazu, dass er wichtige Laute schlechter von Hintergrund-Geräuschen zu unterscheiden vermag; zu laute Musik aus dem Kopfhörer hinterlässt quasi ein «ungenaues» Gehör. Zu diesem Forschungsergebnis kommt ein japanisch-deutsches Team um  Dr.  Hidehiko Okamoto von der Universität Münster.
Die Forscher haben Hörtests und Messungen der Hirnaktivität junger Erwachsener durchgeführt, wobei die eine Hälfte der Probanden regelmäßig Kopfhörer nutzte, die andere nicht. Keinen Unterschied ergaben die Untersuchungen zwar bei klassischen Hörtests, hingegen zeigten sich negative Folgen bei der Wahrnehmungsfähigkeit in Situationen mit einer starken Geräuschkulisse oder lauten Hintergrundgeräuschen. Zu dieser Minderung der Hörgenauigkeit im Geräuschgewirr führten spezielle Nervenschäden im Hörsystem, wie Okamato und seine Forscher vermuten. Der negative Effekt bleibe allerdings häufig lange unbemerkt, da diese Auswirkung vergleichsweise subtil sei. Das Wissenschaftsteam warnt gleichwohl vor lautem Musikhören über Kopfhörer, wenngleich nicht der totale Verzicht auf diese Geräte nötig sei, um sich vor Schäden zu schützen: «Das Wichtigste ist, das man die Lautstärke nicht zu sehr aufdreht. Darüber hinaus sind heute moderne Kopf- und Ohrhörer mit Antischall-Technologie auf dem Markt. Störende Hintergrund-Geräusche werden durch gegenpolige Frequenzen, die dem Audio-Signal automatisch beigemischt werden, ausgelöscht», wie Dr. Henning Teismann vom Institut für Biomagnetismus und Biosignalanalyse der Medizinischen Fakultät Münster ausführt. ■

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Göttinger Vorträge zur «Zukunft des Buches und der Note»

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«Belletristik ist nicht gefährdet»

Adrienne Lochte

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«Haptisches Vergnügen»: Buchpapier in der Hand

Die technische Entwicklung hat vor dem Buch nicht haltgemacht, E-Books sind auf dem Vormarsch. In den USA erzielen Publikumsverlage bereits fünf bis zehn Prozent ihres Umsatzes mit digitalen Büchern – ein Trend, der sich allerdings so noch nicht in in den deutschsprachigen Ländern durchgesetzt hat.
Der Verleger Klaus Gerhard Saur fasste die hierzulande vorerst zurückhaltende Entwicklung auf einem gemeinsamen Vortragsabend der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek (SUB) und der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen zum Thema «Die Zukunft des Buches – Die Zukunft der ,Note’» in Zahlen: Der Anteil von E-Books liege heute bei 1,2 Prozent, vor fünf Jahren sei es ein Prozent gewesen.
Dennoch wagt Saur, der bis zu seinem Ruhestand 2008 den international tätigen K.G. Saur Verlag geleitet hat, die Prognose, dass sich Nachschlagewerke wie Telefonbücher, Wörterbücher und Lexika in gedruckter Form auch weiterhin massiv reduzieren würden.

Kräftig auf dem Vormarsch: Die elektronischen «Book-Reader»

Die Belletristik, Kinderbücher, Lehrbücher und Kunstbände hält Saur hingegen für «nicht gefährdet». Texte auf dem Bildschirm flimmerten vorbei, «es bleibt nichts haften, das ist nichts für Lesetexte», meint Saur. Zudem baut er auf das «haptische Vergnügen», ein Buch in der Badewanne, am Bett oder auch am Strand genießen zu können. Zahlen stützen auch diese Annahme: Im vergangenen Jahr gab es in Deutschland 92’000 Neuerscheinungen gedruckter Bücher, und die Zuwachsrate bei gedruckten Büchern in Entwicklungs- und Schwellenländern liegt bei über zehn Prozent.

Anders sieht die Entwicklung bei Notentexten aus. Andreas Waczkat, Professor am Musikwissenschaftlichen Seminar der Georg-August-Universität Göttingen, sprach zunächst von den Grenzen einer Verschriftlichung von Musik. Improvisation etwa könne gar nicht verschriftlicht werden, und auch in vielen nicht-westlichen Kulturen wird Musik nicht durch Notentexte repräsentiert. Das haptische Vergnügen spiele bei der Note auch keine besondere Rolle.

Vorteile der Online-Musiknotation und -Recherche: Screenshot der Neuen Mozart-Ausgabe (mit Kritischem Begleittext)

Die elektronischen Möglichkeiten in der Musik hingegen hätten einige Vorteile. Waczkat nennt als Beispiel u.a. die Homepage der Neuen Mozart-Ausgabe, auf der man neben den Noten gleichzeitig auch den kritischen Bericht sehen kann. Auch Notentexte, die anstatt auf einem Notenständer digital auf einem Bildschirm vor den Musikern erschienen, böten so manchen Vorzug: Einige Noten-Dateien ließen sich vergrößern, manche gar mit einem Knopfdruck in andere Tonarten transponieren. Und in der Luxusausgabe könnten die Seiten mit Hilfe eines Pedals virtuell umgeblättert werden… ■

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Adrienne Lochte ist Journalistin/Redakteurin und Pressereferentin der «Akademie der Wissenschaften zu Göttingen»

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Musik-Roboter improvisiert mit Menschen

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Marimba-Live-Jazz von «Shimon»

Ein neuer Meilenstein der musiktechnischen Forschung? Roboter «Shimon» improvisiert mit einem menschlichen Keyboard-Jazzer

Am amerikanischen Georgia Institute of Technology wurde ein Musik-Roboter entwickelt, der nicht nur auf dem Perkussions-Instrument Marimba improvisieren, sondern dabei auch noch mit menschlichen Mitspielern interaktiv musizieren kann. «Shimon», wie das US-Entwicklerteam seine interagierende Maschine taufte, wurde unlängst auf einem Wissenschafts-Festival von Ingenieuren vorgestellt.
Der Roboter ist in der Lage, menschliche Zeichen mit Hilfe einer eingebauten Kamera zu interpretieren, um dann musikalisch improvisierend darauf zu «antworten». Er wird also vom Menschen nicht «bedient», sondern agiert «selbstständig».
In einer Video-Dokumentation der «New-Scientist-Television» demonstrieren die Forscher den schon recht eindrücklichen Fähigkeitsgrad von «Shimon»; geplant ist, den Roboter inskünftig noch differenzierter auf perkussionsspezifische menschliche Gesten reagieren zu lassen.
Das Technik-Institut in Georgia (Atlanta) ist seit Jahren auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz in der Musiktechnologie tätig. Ein anderes spektakuläres Experiment stellten die Wissenschaftler seinerzeit hier vor – einen Robot-Drummer mit erstaunlichem Unterhaltungswert… (we)

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Mario Vargas Llosa erhält Nobelpreis für Literatur

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Für «Kartographie der Machtstrukturen» ausgezeichnet

Der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa erhält den diesjährigen Nobelpreis für Literatur. Erstmals seit zwanzig Jahren geht die weltweit renommierteste literarische Auszeichnung damit wieder an einen Lateinamerikaner.
Der bedeutende 74-jährige Erzähler und Essayist Mario Vargas Llosa erhält den Preis für seine «Kartographie der Machtstrukturen und scharfkantigen Bilder individuellen Widerstands, des Aufruhrs und der Niederlage», wie die Schwedische Akademie seine bedeutende literarische Wirkung würdigt. Zu Vargas Llosas bekanntesten Werken gehören u.a. «Das Fest des Ziegenbocks» (2000), «Tante Julia und der Kunstschreiber» (1977) oder «Das Paradies ist anderswo» (2003).
Vargas Llosa hält sich derzeit in den USA auf, wo er an der Princeton-Universität (New Jersey) doziert. Er sei «sehr gerührt und begeistert», sagte er in einer ersten Reaktion. Der Dichter hat die Zuerkennung des Literatur-Nobelpreises erst für einen Scherz gehalten: «Ich kann es immer noch nicht glauben», äußerte der peruanische Dichter gegenüber der Madrider Zeitung «El Mundo»; Er sei von der Entscheidung überrascht worden: «Schon seit mehreren Jahren war mein Name nicht mehr im Zusammenhang mit dem Nobelpreis genannt worden.» ■

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Zum Tode von Bent Larsen

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«Ich spiele auf Sieg»

Walter Eigenmann

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Schach-Genie Bent Larsen als Simultanist in Dänemark 1960

Wie die Dänische Schach-Union meldet, ist vorgestern in Buenos Aires der legendäre, bis heute in breiten Schachkreisen populär gebliebene dänische Schach-Großmeister Bent Larsen im Alter von 75 Jahren gestorben. Laut Medienberichten litt Larsen seit längerem an starker Diabetes.

Bent Larsen gehörte in den Sechzigern und Siebzigern nicht nur zu den erfolgreichsten Turnierlöwen überhaupt, sondern auch zu den besonders innovativen Schachtheoretikern (—> Larsen System: 1.b3). Zu Zeiten von Bobby Fischers Anfängen galt der dänische Großmeister, dessen taktisch einfallsreicher, opferfreudiger, teils auch strategisch tiefsinniger Schachstil allgemein bewundert und gefürchtet wurde, zeitweise als die Nummer Eins der westlichen Schach-Welt. Larsens stärkstes historisches Elo-Rating betrug 2660, das er im Februar 1971 erreichte; damit lag er auf Platz Drei der Weltrangliste. Beim prestigeträchtigen Wettkampf UdSSR gegen den Rest der Welt 1970 in Belgrad spielte er am Spitzenbrett, wobei er seine drei Begegnungen mit Weltmeister Boris W. Spasski ausgeglichen zu gestalten vermochte. In seiner Blütezeit war Larsen (wie später Fischer) als Bollwerk gegen die sowjet-russische Schach-Hegemonie stark ideologisiert bzw. instrumentalisiert worden.

Desaster in Denver: WM-Halbfinale gegen das Jahrhundert-Genie Fischer

1980 lernte Larsen in Buenos Aires seine spätere Frau Laura kennen, eine promovierte Juristin und Rechtsanwältin. Seitdem lebte er in Argentinien. Bent Larsen schrieb mehrere schachtheoretische Bücher und war seit längerem ständiger Kolumnist der deutschen Schachzeitschrift Kaissiber.

Larsens Kampf-Motto (und einer seiner Buch-Titel) lautete: «Ich spiele auf Sieg»; dementsprechend heimste der phantasievolle Däne eine Reihe von prächtigen Turniersiegen ein. Namentlich zu nennen wären u.a. Amsterdam 1964, Sousse 1967, Havanna 1967 oder Monaco 1968, später das Interzonenturnier 1976 im schweizerischen Biel.
Einer seiner spektakulärsten Partien datiert aus dem Jahre 1970: Damals fügte er dem späteren Weltmeister Fischer am Interzonen-Turnier in Palma de Mallorca als Schwarzer eine vielbeachtete Niederlage zu (um allerdings aufgrund seines kompromisslosen Kampfstils gegen denselben Fischer im folgenden Kandidaten-Match mit 0:6 das Schach-Trauma seines Lebens zu erleiden):

Robert J. Fischer – Bent Larsen
Palma de Mallorca 1970

1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 Sc6 6.Lc4 e6 7.Lb3 Le7 8.Le3 0-0 9.De2 a6 10.0-0-0 Dc7 11.g4 Sd7 12.h4 Sc5 13.g5 b5 14.f3 Ld7 15.Dg2 b4 16.Sce2 Sxb3+ 17.axb3 a5 18.g6 fxg6 19.h5 Sxd4 20.Sxd4 g5 21.Lxg5 Lxg5+ 22.Dxg5 h6 23.Dg4 Tf7 24.Thg1 a4 25.bxa4 e5 26.Se6 Dc4 27.b3 Dxe6 28.Dxe6 Lxe6 29.Txd6 Te8 30.Tb6 Txf3 31.Txb4 Tc8 32.Kb2 Tf2 33.Tc1 Lf7 34.a5 Ta8 35.Tb5 Lxh5 36.Txe5 Le2 37.Tc5 h5 38.e5 Lf3 39.Kc3 h4 40.Kd3 Te2 41.Tf1 Td8+ 42.Kc3 Le4 43.Kb4 Tb8+ 44.Ka3 h3 45.e6 Lxc2 46.b4 Te3+ 47.Kb2 Ld3 48.Ta1 La6 49.Tc6 Txb4+ 50.Kc2 Lb7 51.Tc3 Te2+ 52.Kd1 Tg2 0-1

Dabei war Larsen nicht nur ein genialer Mittelspiel-Taktiker, sondern auch im Endspiel höchst gefährlich. Ein eindrückliches Beispiel dieser Gefährlichkeit lieferte er noch 20 Jahre später in Hastings gegen den starken russischen Großmeister Evgeny Bareev:

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Bent Larsen – Evgeny Bareev
Hastings 1990

1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6 4.Lg5 Le7 5.e5 Sfd7 6.Lxe7 Dxe7 7.f4 0-0 8.Sf3 c5 9.Dd2 Sc6 10.0-0-0 cxd4 11.Sxd4 Sb6 12.De3 Ld7 13.Kb1 Dc5 14.h4 Tac8 15.Th3 Sa5 16.Sb3 Dxe3 17.Txe3 Sac4 18.Tf3 f6 19.exf6 Txf6 20.Sd4 Tcf8 21.Lxc4 Sxc4 22.b3 Sd6 23.Te3 b5 24.a3 a5 25.g3 b4 26.axb4 axb4 27.Sa2 Tb8 28.Kb2 Se4

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1r4k1/3b2pp/4pr2/3p4/1p1NnP1P/1P2R1P1/NKP5/3R4 w – – 0 29

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29.Sf3!! Le8 30.Sg5 Lh5 31.Sxe4 Lxd1 32.Sxf6+ gxf6 33.Txe6 Kf7 34.Te3 Lh5 35.Td3 Ke6 36.Td4 Tg8 37.Sxb4 Lf3 38.Td3 Le4 39.Te3 Kf5 40.Sc6 1-0

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Der betagte Larsen beim Partie-Analysieren mit argentinischen Schachfreunden (Video Youtube)

Larsens jahrzehntelange internationale Schachkarriere war von zahlreichen Erfolgen als Spieler wie also Schachautor gekrönt, und seine über 20 Siege an teils hochkarätig besetzten Turnieren brachten ihm damals den Titel eines «Turnier-Weltmeisters» ein. Allerdings war Larsen auch der erste – aber bei weitem nicht letzte – Meisterspieler, der offiziell von einem Schachcomputer besiegt wurde: 1988 verlor der Däne an einem Open im kalifornischen Long Beach sensationell eine Partie gegen den Rechner «Deep Thought» (den Vorgänger von «Deep Blue», der knapp zehn Jahre später auch Weltmeister Garry Kasparov schlug).

Bent Larsen war in der internationalen Schach-Arena als sehr sympathischer, zwar ehrgeiziger und kämpferischer, aber auch sensibler und zuvorkommender Großmeister hoch angesehen. Der Larsen-Freund und -Fan J. Armas schreibt in seinem Rückblick in Larsens Buch «Alle Figuren greifen an» über eine Simultan-Begegnung: «Wir waren alle voller Stolz, diesen Meister in unserer Nähe zu wissen. Niemals drückte er seinen jeweiligen Gegner einfach an die Wand. Gegen jeden einzelnen spielte  er so, als hätte er einen Großmeister vor sich. Und mit welchen Erinnerungen und ergötzlichen Geschichten unterhielt er uns zwischen den Partien, während der ganzen vier Stunden!»
Mit Bent Larsen verliert die Schach-Welt einen ihrer interessantesten und schillerndsten Vertreter der «Golden Chess Sixties». ■

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